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Hochhausbrand in London Wie sicher sind die Hochhäuser in Delmenhorst?

Von Frederik Grabbe | 16.06.2017, 09:31 Uhr

Die Bilder der Feuerkatastrophe im Londoner Grenfell Tower sind erschütternd. Bei dem Brand in dem Gebäude mit insgesamt 24 Stockwerken sind am Mittwoch bislang 17 Menschen zu Tode gekommen, 78 mussten in Krankenhäusern behandelt werden. Ein Inferno wie in London gilt hierzulande allerdings als unwahrscheinlich. Doch es gibt Schwachpunkte.

„Eine Brandentwicklung wie in London ist so nicht zu erwarten“, sagt der Feuerwehrchef der Stadt Delmenhorst, Thomas Stalinski. „In unserem Bereich gilt die Niedersächsische Bauordnung: Fassaden von Hochhäusern, also Gebäude mit einer Höhe von mehr als 22 Metern, dürfen seit den 80er Jahren nicht mit brennbaren Materialien bestückt werden“, sagt Stalinski. Diesen Hinweis gibt er mit Blick auf das Dämmmaterial, dass an der Hochhaus-Front in London nach ersten Erkenntnissen verantwortlich für die schnelle Brandausbreitung war. „Auf den Brandschutz können wir in Deutschland stolz sein“, sagt Stalinski darum.

 (Weiterlesen: Zahl der Toten nach Hochhausbrand in London steigt auf 17) 

Pläne für Hochhäuser liegen Feuerwehr vor

Grundsätzlich zählen Hochhäuser zu sogenannten Sonderbauten, bei denen die Feuerwehr beim Brandschutz berät, ehe später eine Genehmigung durch die Bauaufsicht erteilt wird, teilt die Stadt Delmenhorst auf Anfrage mit. „Alle diese Sonderbauten sind der Feuerwehr bekannt. Die Objektdaten sind per Tablet-PCs abrufbar. Somit kann ein Löscheinsatz anhand der Gebäudestruktur geplant werden“, sagt Stalinski. Dies sei beispielsweise wertvoll gewesen, als vor einigen Jahren in der Tiefgarage des Wohnblocks Lefferspark an der Oldenburger Straße ein Feuer ausbrach.

Drehleiter reicht nur bis zum 10. Stock – Für Feuerwehr kein Problem

 (Weiterlesen: Liveticker: Brand in London – Suche nach Vermissten) 

Generell lässt sich sagen, dass eine Drehleiter der Feuerwehr maximal bis ins 10. Stockwerk reicht, so Stalinski. In Delmenhorst hätten die höchsten Gebäude wie das City-Center oder der Lefferspark 14 Stockwerke und seien somit rund 35 Meter hoch. Trotzdem sei es kein Problem, einen Zimmerbrand im obersten Geschoss zu löschen. „Egal wie hoch das Gebäude ist: Wir würden das Feuer immer aus dem Gebäudeinneren löschen.“ Denn jedes Hochhaus ist laut Stalinski mit einem Sicherheitstreppenhaus versehen. Dieses sei besonders stabil und gegen Brände sowie gegen das Eindringen von Rauch geschützt. Zudem gebe es Feuerwehr-Aufzüge in geschützten Schächten. Bei einem Hochhausbrand würden Feuerwehrleute so vorgehen, dass sie über Treppenhaus oder Aufzug unter das Brandgeschoss gelangten und ein Depot mit Werkzeug und Löschutensilien anlegten, beschreibt Stalinski. Von hier aus würde der Löscheinsatz dann koordiniert.

Schwachstellen in älteren Hochhäusern

Die Kombination aus Brandschutz und Feuerwehrarbeit mache hierzulande einen Brand wie in London so gut wie unmöglich. Stalinski sagt aber auch, dass manche Brandschutzbestimmungen nicht für Gebäude vor 1980 gelten. Auch Die Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb) hatte im Zuge der Londoner Feuerkatastrophe gefordert, ältere Gebäude in Deutschland zu überprüfen. Oft gebe es weder Sprinkleranlagen noch Notrufeinrichtungen. Auch Ricky Bruder, Geschäftsführer und Brandschutzexperte der Bruder Brandschutz-Ingenieurgesellschaft in Hude, hält auf Anfrage Brände gerade in alten Hochhäusern nicht für ausgeschlossen. „Leicht brennbare Dämmungen in Hausfassaden von neuen Gebäuden gibt es durch die heutige Gesetzeslage nicht. Sie sind aber in Bestandsbauten zu finden, die beispielsweise in den 70er Jahren gebaut worden sind.“ Auch sogenannte Bandbarrieren aus Mineralwolle oder Blech seien in Fassadenhohlräumen von Altgebäuden nicht zu finden. „Hauseigentümer können aber nachrüsten, indem sie beispielsweise Lüftungen für Sicherheitstreppenräume einbauen, die Rauch aus dem Gebäude drücken.“

Feuerwehr diskutiert über Gefahren durch leicht brennbare Dämmungen

Auch die Delmenhorster Feuerwehr macht sich Gedanken, wie Gebäude generell besser zu schützen sind. „In unseren Gremien diskutieren wir häufig über die Gefahr, die von brennbaren Dämmsystemen ausgeht, und ob schärfere Vorschriften Sinn ergeben.“, sagt Stalinski. Der Brand in London hat für ihn Erinnerungen an das Feuer 2011 in Heidkrug an der Bremer Straße nahe der Gastronomie Schierenbeck wachgerufen: Sechs Wohnhäuser wurden ganz oder teilweise zerstört, mehr als 200 Menschen mussten evakuiert werden. Die Wärmedämmung hatte die Ausbreitung des Brandes begünstigt. Stalinski: „Die größte Sicherheit besteht, wenn die Feuerwehr gar nicht erst ausrücken muss.“