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Hospizbegleiterin erzählt „Wer sich mit Abschied nicht befasst, der stürzt umso tiefer“

Von Frederik Grabbe | 21.12.2017, 10:28 Uhr

Eine Delmenhorsterin hat Todkranke über zwölf Jahre begleitet. Jetzt ist sie selbst unheilbar erkrankt. Mit uns hat sie über ihr Ehrenamt gesprochen – und über die Gelassenheit gegenüber ihrem eigenen Abschied.

Über Jahre hat sie Sterbenskranke auf ihrem letzten Weg begleitet. Und über Jahre hat sie sich um die Angehörigen der Menschen gekümmert, die aus dem Leben geschieden sind. Jetzt ist die Delmenhorsterin Ilse Müller (Name geändert) selbst tödlich erkrankt. Trotzdem blickt sie gelassen auf ihr Lebensende.

„Ehrlichkeit statt falscher Trost“

„Die Würde eines Menschen bis zum Schluss zu bewahren – das hat vor allem mit Ehrlichkeit zu tun.“ Das ist eine Erfahrung, die die 78-Jährige in den vergangenen Jahren als Hospizbegleiterin gemacht hat. Zwölf Jahre lang brachte sich Müller beim Hospizdienst Delmenhorst ein. Eine Zeit, in der sie lernte, wie wichtig es ist, der Realität ins Auge zu blicken. „,Das wird schon wieder‘ – diesen Spruch habe ich häufig gehört. Er spricht eher von einer Abwehrhaltung, von einer Verweigerung vor dem Abschied, als das er Trost spendet.“ Und wer diese Abwehrhaltung gar nicht überwinden kann, wer sich nie mit Abschied befasst, der stürzt später umso tiefer, weiß Müller.

Diagnose: Nicht operabler Bauchspeicheldrüsenkrebs

In diesem Sinne könnte man sagen, die Seniorin ist gut auf den eigenen Abschied vorbereitet: 12 Jahre lang war sie nun beim Hospizdienst aktiv. Seit etwa einem Jahr hat sich Müller aus der Begleitung größtenteils zurückgezogen. Nicht operabler Bauchspeicheldrüsenkrebs wurde bei der 78-Jährigen diagnostiziert. Im Zuge dessen leidet sie an einer Polyneuropathie, einer Nervenkrankheit. „Die Chemotherapie hat den Krebs fürs Erste zurückgedrängt. Noch halte ich sie aus, irgendwann wird es nicht mehr gehen.“ So unangebracht es klingt: Das sagt Ilse Müller mit einem Lächeln – und zitiert Luther: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Das beschreibt ziemlich genau, wie Müller denkt: Auch wenn die Zeit bald um ist, auch wenn die Zeichen auf Abschied stehen – „Noch bist du da, Sei was zu bist, Gib was du hast.“ Wieder ein Zitat, diesmal von Rose Ausländer.

Gedichte und Erzählungen als Trost

Mit Gedichten und Erzählungen wie diesen war Müller oft bei Sterbenden, besonders in Altenheimen. Mit ihnen spendete sie Trost. Abschied und Trauer verlaufen nie gleich, lernte Müller, die von sich selbst sagt, dass engere Beziehungen eher zu den Angehörigen gewachsen sind. In der Hospizarbeit ist es ehernes Gesetz, die Nähe zu einem Sterbenden aus Selbstschutz nicht zu groß werden zu lassen. Eine Regel, die Müller selbst nicht immer vollends einhalten konnte, wie sie eingesteht.

„Das Lebensende ist eine natürliche Sache“

Die Zeit auf Erden auskosten, sie nutzen und (wenn möglich) zu genießen, das ist eine Erkenntnis, die Müller aus ihrer Hospizarbeit gezogen hat. Müller erinnert sich gerne an ausgedehnte Radtouren. Eine führte sie zehn Tage lang durch die Sahara an die Grenze zum Sudan zu alten Felszeichnungen. Und nach dem Ruhestand ging sie voll und ganz in der Hospizarbeit auf. Dieser Rückgriff auf die eigene Lebensleistung – bei älteren Menschen sei das häufig die Erinnerung an den Krieg und das Bewusstsein, überlebt und ein neues Leben aufgebaut zu haben – sei für den Abschied in der Hospizarbeit enorm wichtig. „Das Ehrenamt hat mir Zuversicht für mein eigenes Lebensende gegeben“, sagt Ilse Müller darum. „Es ist eine natürliche Sache. Und ich gehe friedlich.“