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Im Hanse-Wissenschaftskolleg Delmenhorst Wie die Stadt gegen die Kinderarmut angeht

Von Niklas Golitschek | 22.10.2019, 22:07 Uhr

Mit dem Programm Präventionsketten Niedersachsen bemühen sich Kommunen im ganzen Land, Kinderarmut vorzubeugen und die negativen Folgen dieser zu mindern. Im Hanse-Wissenschaftskolleg Delmenhorst kamen Vertreter nun zum Austausch zusammen. Auch, um über eine aktuelle Problematik in der Stadt zu sprechen.

Der Inklusion, die gesellschaftliche Teilhabe aller, kommt gerade in Delmenhorst eine hohe Bedeutung zu. Gemeinsam mit Wilhelmshaven belegt die Stadt mit einer Kinderarmutsquote von rund 30 Prozent niedersachsenweit die letzten Plätze.

Gleichzeitig ist Delmenhorst sehr aktiv, die Trendwende zu vollziehen. Das wurde bei der Fachtagung „Inklusion – Partizipation – Diversität“ im Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) am Dienstag deutlich. Die Veranstaltung war Teil des Programms zur Förderung kommunaler Präventionsketten in Niedersachsen. Rund 60 Teilnehmer plus Aussteller tauschten sich über die Themen Diversität und kulturelle Vielfalt aus.

Schwierige Gruppen

Im Fokus der Tagung stand, wie die Gruppen erreicht werden können, bei denen es bislang schwierig gewesen sei, wie Organisatorin Claudia Müller, Koordinatorin der Präventionskette Niedersachsen in Delmenhorst, erklärte. In Delmenhorst seien das etwa Gruppen aus Südosteuropa wie Sinti und Roma. „Sie sind schwer zu integrieren“, hat Müller beobachtet. In Teilen dieser Gruppen besuchten die Kinder nicht die Kindertagesstätten oder Schule und würden sich auch in den Jugendhäusern nicht an Regeln halten. Auf der Tagung sollte nun auch nach Lösungsansätzen gesucht werden. Doch genauso gebe es seelische Verwahrlosung bei Kindern aus wohlhabenden Familien, wollte Müller den Schwerpunkt nicht nur auf einer Gruppe verstanden wissen.

Auch Antje Richter-Kornweitz, Programmleiterin der Präventionsketten Niedersachsen, lobte die Ansätze in Delmenhorst. „Delmenhorst war eine der ersten Kommunen des Programms“, hob sie hervor. Allen Kindern eine umfassende Teilhabe zu ermöglichen, sei hier schon immer Thema gewesen. Im Fokus des Programms stünden Kinder von null bis zehn Jahren, deren Familien weniger Ressourcen hätten, Unterstützen benötigten oder einen schwierigen Alltag zu bewältigen hätten. Letzteres könne auch unerwartet und vorübergehend passieren.

Armut ist mehr als wenig Geld

„Wir müssen schauen, wo wir besser werden können“, betonte Richter-Kornweitz. Manche Kinder benötigten auch schlicht mehr Unterstützung, um ihr volles Potenzial zu entfalten. Armut könne dabei weit mehr als nur materieller Art sein. Bildung, Gesundheit, Selbstverständliches, zählte die Programmleiterin auf. Umso wichtiger seien Ansprechpartner und emotionale Bezugspersonen: „Das ist Prävention, um die Folgen von Kinderarmut zu lindern.“

Parallel dazu gibt es in Delmenhorst noch die Präventionsbausteine. Die Präventionsketten beschrieb Müller als flächendeckender. „Bei den Präventionsbausteinen gibt es Brüche, in denen man die Kinder verliert“, schilderte sie. Solche Lebensveränderungen seien oft mit Stresssituationen verbunden. Deshalb sei es umso wichtiger, dass die Institutionen im Gespräch blieben, um über die Hintergründe der Kinder informiert zu sein. „Das klappt noch nicht so gut“, sagte Müller selbstkritisch.

Pragal würdigt Engagement

Delmenhorsts Erster Stadtrat, Markus Pragal, würdigte das Engagement der Teilnehmer stellvertretend für den kurzfristig verhinderten Oberbürgermeister Axel Jahnz. „Wir haben eine Menge Kinder, die wir in Delmenhorst mitnehmen wollen“, sagte er und schloss ausdrücklich auch die Familien mit ein. Gemeinsam gelte es, die Kinderarmut in der Stadt anzugehen.