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Immer mehr Bagatell-Beschwerden Zahl der Rettungseinsätze in Delmenhorst steigt

Von Frederik Grabbe | 02.07.2018, 10:22 Uhr

Husten, Schnupfen, Heiserkeit: Die Zahl der Einsätze des Rettungsdienstes in Delmenhorst und im Landkreis steigt weiterhin an. Einen großen Teil der Fahrten verursachen Patienten mit Bagatellbeschwerden. In Delmenhorst rücken die Helfer in jedem vierten Fall ohne echte Not aus.

In Delmenhorst zieht die Zahl der Rettungsdiensteinsätze aktuell wieder deutlich an. Das teilt der Thomas Stalinski, Chef der Berufsfeuerwehr, die den Rettungsdienst in Delmenhorst verantwortet, auf dk-Anfrage mit. Rund 14.000 Einsätze fahren die Rettungskräfte im Jahr. Diese Zahl nennt Stalinski aus dem Jahr 2016. „Erfahrungsgemäß steigt die Zahl im Jahr um rund fünf bis acht Prozent an“, so der Feuerwehrchef. 2017 hingegen sei ein gutes Jahr mit einem nur dreiprozentigen Anstieg gewesen. 2018 allerdings zeichne sich bereits ab, das der Anstieg wieder „deutlich“ über drei Prozent liegt. Einen großen Anteil machen Fahrten zu Patienten mit Bagatellbeschwerden aus, die die 112 beispielsweise also mit Husten, Kopfschmerzen oder Schnupfen anrufen und die sich eigentlich von Hausärzten behandeln lassen könnten: In etwa jedem vierten Fall rücken die Helfer aus, ohne dass echte Not bestünde, sagt Stalinski.

Fallzahlen steigen in Stadt und Land kontinuierlich an

Das deckt sich auch mit Einschätzungen von Frank Flake, Leiter des Malteser-Rettungsdienstes im Bezirk Oldenburg Nord, der in Ganderkesee und vier anderen Dienststellen des Landkreises zuständig ist. Laut Jörn Kaminski, Leiter des Rettungsdienstes beim Landkreis Oldenburg, werden im gesamten Landkreis jährlich 18.500 Einsätze gezählt. Flake spricht von einem typischen Stadt-Land-Gefälle: Für jeden vierten Einsatz in der Stadt und jeden zehnten auf dem Land rücken die Retter ohne echte Not aus. Flake spricht von jährlichen Fallzahlsteigerungen zwischen zwei bis fünf Prozent. „Ein Phänomen, das in ganz Deutschland zu beobachten ist“, sagt Flake. „Die Schwelle, den Notdienst zu rufen, wird immer niedriger.“ Die echte oder gefühlte Hilflosigkeit der Patienten wirkt sich auch auf die Notaufnahmen im Land aus, nicht nur in Delmenhorst.

 (Weiterlesen: Josef-Hospital Delmenhorst stellt Notaufnahme neu auf) 

Kostenexplosion befürchtet

Die Folgen aus dieser Entwicklung versetzt die Rettungsdienste in Alarmbereitschaft. Stalinski: „Wenn jedes Jahr die Einsätze steigen, heißt das für uns mehr Aufwand, um den Bedarf auch zu decken.“ Konkret heiße das mehr Rettungswagen, mehr Personal, mehr ausgestattete Standorte für Rettungsdienste. „Dieser Rattenschwanz verursacht Kosten ohne Ende.“ Auch Landkreis-Rettungsdienstchef Jörn Kaminski spricht vor diesem Hintergrund von einer absehbaren Kostenexplosion „in etwa zehn, fünfzehn Jahren“.

Rettungsdienste fordern Änderungen bei der ärztlichen Bereitschaft

Wie könnten Lösungen aussehen? Stalinski fordert beispielsweise, dass der ärztliche Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) (Rufnummer 116117) „offensive Aufklärung in der Bevölkerung“ leisten muss. Zu wenige Menschen wüssten, welche Leistungen der Bereitschaftsdienst außerhalb der Öffnungszeiten der Hausärzte abdecke. Stalinski sowie Kaminski schlagen vor, den Übergang der Öffnungs- und Schließungszeiten von Arztpraxen und Bereitschaftsdienst anzugleichen, um so zeitliche Löcher zwischen der hausärztlichen und bereitschaftdienstlichen Versorgung zu tilgen. Kaminski: „Der Notleidende wendet sich immer an den, den er erreichen kann. Und das ist im Zweifel die 112.“ Helmut Scherbeitz, Unternehmensbereichsleiter für die Bezirksstelle Oldenburg bei der KVN, wendet ein: „Ärzte sind Freiberufler. Wie sollen wir ihnen die Öffnungszeiten vorschreiben?“ Seiner Ansicht nach liegt das Problem eher an der Anspruchshaltung der Patienten selbst. Eine Haltung, die durch die offensive Vermarktung der Krankenkassen ihrer Leistungen nur gefördert würde.

Uni Maastricht sucht nach Lösungen

An der Frage nach Lösungen arbeitet auch die Universität Maastricht: Seit 2016 arbeitet sie mit der Stadt Delmenhorst, dem Landkreis und der Großleitstelle Oldenburg (GOL) zusammen, um das Rettungsdienstwesen zu verbessern. Ein Unterpunkt sind dabei laut Stalinski auch die Frage, wie sich Einsätze wegen Bagatellbeschwerden reduzieren lassen.