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In Delmenhorst ehrenamtlich aktiv 23-jähriger Syrer war sieben Monate auf der Flucht

Von Katja Butschbach, Katja Butschbach | 04.03.2016, 18:18 Uhr

Mohamad Abdulrazak will in Deutschland studieren oder eine Ausbildung machen. Er ist politisch interessiert, hat sich den Grünen angeschlossen und hilft bei der Diakonie und in einer Grundschule.

Mohamad Abdulrazak hat sein Heimatland Syrien im September 2014 verlassen – darauf folgte für den heute 23-Jährigen eine sehr schwierige Zeit der Flucht, die über ein halbes Jahr andauerte. In Delmenhorst hatte er das Glück, noch in einer Wohnung und nicht in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht zu werden. In Deutschland will er anderen Menschen helfen und irgendwann studieren. Darauf, so befürchtet der junge Syrer, werde er aber noch eine Weile warten müssen – momentan ist er als Flüchtling in Bulgarien registriert.

Mit Schlagstock geschlagen

Seine Geschichte erzählt er mit einem unerschütterlichen Optimismus. 2014 lebte er nahe der türkischen Grenze in Sarmada in Syrien und studierte Elektrotechnik in Aleppo. Als die Situation zu gefährlich wurde, riet ihm sein Vater, in Deutschland weiterzustudieren.

Er machte sich am 4. September 2014 auf den Weg – über die Türkei erreichte er Griechenland. Auf der Strecke sei er unter anderem vier Tage gelaufen. In Griechenland erwischte ihn die Polizei, berichtet Abdulrazak. Er sei mit einem Schlagstock geschlagen worden. Im Gefängnis habe er für fünf Euro eine Fleischbrühe und ein Schokocroissant erstehen können – diese Mahlzeit musste für 24 Stunden reichen.

„Ich habe aus einer Pfütze getrunken“

Nach zwei Tagen in Haft wurde ihm gesagt, dass er nun zurück in die Türkei müsse. Eine Stunde lang sei er mit über 60 weiteren Männern, Frauen und Kindern mit einem Laster weggefahren worden, an einen ihm unbekannten Ort. Die Menschen stiegen aus: Es wurde gesagt, dass die Gruppe sich eine Stunde in eine Richtung bewegen sollte und dann in der Türkei ankommen würde.

Sieben Stunden lief die Gruppe, ohne Wasser. „Ich habe aus einer Pfütze getrunken“, sagt Abdulrazak. Irgendwann sahen die Flüchtlinge ein Licht – und waren nicht in der Türkei, sondern in einem Dorf in Bulgarien angekommen. „Ich habe an eine Haustür geklopft“, sagt Abdulrazak. Er habe gebeten, dass die Polizei gerufen werden solle.

Fingerabdrücke genommen

In Bulgarien kam er ins Camp Harmanli, so der 23-Jährige. Er musste seine Fingerabdrücke geben – womit er als Flüchtling registriert war. Er habe deshalb das Land ein halbes Jahr nicht verlassen dürfen – hätte er die Flucht gewagt, hätte ein Jahr Gefängnis gedroht. Und so wartete er sechs lange Monate. Über Sofia und Wien erreichte er danach am 22. April 2015 Deutschland. „Ich habe viel Zeit verloren“, sagt Abdulrazak. Auch viel Geld hat bei der Flucht verloren.

Studium oder Ausbildung

Hier sei ihm dann gesagt worden, dass er in Deutschland kein Asyl bekommen könne, da in Bulgarien seine Fingerabdrücke genommen wurden. Ein Anwalt legte für ihn Widerspruch ein. Jetzt wartet er darauf, wieder eine sichere Zukunftsperspektive zu haben.

Er kann sich neben einem Studium auch eine Berufsausbildung vorstellen. Es solle etwas im Bereich Elektronik oder auch bei einer Bank sein. „Ich bin gut in Mathe.“

Ehrenamtliche Arbeit bei Schule und Diakonie

Vorerst hilft er montags bei der Diakonie – geht mit Flüchtlingen zu Behörden, begleitet sie zur Kita. Dienstags bis freitags hilft er in einer Grundschule, übersetzt dort unter anderem. Nachmittags ist er von 13.30 bis 18 Uhr in einem Sprachkurs der Volkshochschule. Dort lernte er zwei Frauen aus dem Vorstand der Grünen kennen.

Mitglied der Grünen

Im Internet informierte er sich über die Partei, sah, dass er die Ziele teilte. Als er den Grünen beitreten wollte, wurde er um Geduld gebeten. „Wir wollten, dass er versteht, worum es geht“, sagt Bettina Pinzon-Assis, Vorstandssprecherin des Grünen-Kreisverbands Delmenhorst. Immer wieder fragte der junge Syrer nach, bis er irgendwann beitreten durfte. Jetzt ist er bei Sitzungen dabei, kann die Situation von Flüchtlingen verdeutlichen.

Gutes Leben ist in Syrien ein Traum

Sein Traum: „Etwas zurückzugeben.“ Als Elektroingenieur will er gerne etwas Neues erfinden. Zumindest will er als Ingenieur gute Arbeit machen. Und er wünscht sich ein gutes Leben mit einer Frau und Kindern.

„In Syrien ist das ein Traum – hier ist es normal“, sind sich Abdulrazak und Bettina Pinzon-Assis einig. Über seine syrische Heimat sagt Abdulrazak: „Wir brauchen Frieden.“