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Inklusion in Delmenhorst Vater von Schüler mit Down-Syndrom kritisiert Schulbehörde

Von Marco Julius | 29.06.2016, 09:02 Uhr

Luca Havighorst hat das Down-Syndrom. Er hat dennoch eine Regelschule besucht – mit Erfolg.

Der hiesige Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat zuletzt immer wieder Kritik geäußert an der mangelnden Umsetzung der Inklusion gerade an Sekundarschulen und auf die mangelnde Unterstützung für Schulen und dabei vor allem Lehrer hingewiesen (dk berichtete). Dieser Kritik kann sich auch der Delmenhorster Bernhard Havighorst anschließen. Havighorst weiß, wovon er spricht. Sein Sohn Luca (15) hat das Down-Syndrom, er hat einen integrativen Kindergarten besucht, war auf der Marienschule und ist anschließend ab Klasse 5 zur IGS gewechselt, die er jetzt nach der 9. Klasse verlässt, um für drei weitere Jahre zur Schule an der Karlstraße zu wechseln. „Das Engagement der Stadt Delmenhorst sowie der Schulen inklusive aller Beteiligten war vorbildlich. Unser Sohn konnte tatsächlich einen erheblichen Bildungsvorteil nutzen, ohne dabei nachteilig für die Klasse zu sein. Zudem war auch das Miteinander der Schüler sehr gut. Gleichwohl muss ich sagen, dass wir bei weitem nicht in der gedachten Inklusion angekommen sind. Eher war unser Beispiel eine fortgeschrittene Integration“, sagt Bernhard Havighorst. „Um Inklusion tatsächlich umsetzten zu können, bedarf es erheblicher weiterer Anstrengungen. Ein benachteiligtes Kind in eine Schulklasse zu setzen und es dann laufen zu lassen, reicht nicht“, sagt der Vater, der ausdrücklich betont, dass es in Lucas‘ Fall zum Glück anders gelaufen sei.

Kritik an Schulbehörden

Dem Lob, das er der Stadt und den Pädagogen vor Ort zollt, lässt Havighorst aber deutliche Kritik folgen: „Die Schulbehörden und die Landesregierung in Hannover sind der größte Hemmschuh für die Inklusion. Hier wird immer noch kleinteilig gedacht und Inklusion eher als zu aufwändig, zu teuer und vor allem als sinnlos betrachtet. Solange hier kein Umdenken stattfindet und den Beteiligten vor Ort keine Unterstützung gewährt wird, kann Inklusion nicht wirklich funktionieren.“

Mehr Stunden für Förderpädagogen gefordert

Für den engagierten Vater ist klar: „Es muss ein grundlegendes Verständnis für Inklusion gelebt werden. Inklusion heißt, alles ist für alle nutzbar. Jeder hat die Chance in seinem Rahmen ein Maximum zu erreichen und Gemeinschaft zu erleben. Das geht aber nur, wenn zusätzliche und geschulte Pädagogen in den Klassen eingesetzt werden. In unserem Beispiel wurde etwa ersichtlich, dass auch vermeintlich ,normalen‘ Kindern ein Förderpädagoge hilfreich zur Seite stehen kann.“ Förderpädagogen sollten nach Havighorsts Meinung fest einer Schule zugeordnet und mit deutlich mehr Stunden ausgerüstet sein.

Es könne bei der Inklusion natürlich nicht darum gehen, ein gemeinsames Leistungsziel aller Schüler zu erreichen, sondern vielmehr darum, jedem die Möglichkeit zu geben, sein ganz individuelles Leistungsziel zu erreichen. „Was dann dazu führt, dass das Leistungsziel zum Schluss meist höher ist als vorher gedacht“, betont Havighorst auch mit Blick auf Luca, dem viele Experten sein heutiges Leistungsvermögen vorab nicht zugetraut hätten. „Luca hat Lesen und Schreiben gelernt, er versteht Englisch. Er war Teil der Schulgemeinschaft“, sagt der Vater nicht ohne Stolz.

„Luca hat Glück gehabt“

Havighorst musste schließlich lange dafür kämpfen, dass Luca überhaupt die IGS besuchen konnte. Der Schriftverkehr mit Behörden füllt ganze Aktenordner. Am Ende war sogar ein Ministererlass erforderlich. „Nach nun insgesamt neun Jahren Schule darf man, glaube ich, mit Recht sagen, dass nicht nur unser Sohn viel erreicht hat, sondern auch alle Beteiligten und die Mitschüler gleichermaßen“, unterstreicht der Vater. Luca sei der Sonnenschein der Schule gewesen. Aber Luca hätte eben auch das Glück gehabt, auf engagierte Pädagogen und viel Unterstützung bauen zu können. Havighorst hebt dabei besonders die Bedeutung der beteiligten Förderschullehrerin hervor. „Die Behörden überlassen es engagierten Personen vor Ort, Inklusion so gut es geht umzusetzen. Sollten weniger engagierte Pädagogen tätig sein und die örtlichen Gegebenheiten nicht passend sein – was ebenfalls ein großes Problem ist – dann erklärt man eben die Inklusion für gescheitert“ , klagt Havighorst.