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Interview mit Frauke Heiligenstadt Kultusministerin will mehr Geld für Schulen

Von Jan Eric Fiedler, Jan Eric Fiedler | 31.10.2016, 19:58 Uhr

Die Schullandschaft ist in einem Wandel: Durch den Zuzug von Flüchtlingen und Menschen aus Osteuropa wachsen die Schulen entgegen dem Trend der vergangenen Jahre wieder. Gleichzeitig gilt es, wichtige Aufgaben wie die Inklusion zu stemmen. Unsere Redaktion hat sich mit Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) über die Entwicklungen an Schulen unterhalten.

Frau Heiligenstadt, an den Delmenhorster Schulen hat es nach Beginn des Schuljahres 16 freie Lehrerstellen gegeben. Ein Großteil davon konnte nicht besetzt werden und wird zum Halbjahr neu ausgeschrieben. Insgesamt werden zum Januar 24 Lehrer in Delmenhorst gesucht. Gibt es einen Lehrermangel in Niedersachsen?

Frauke Heiligenstadt: Der Lehrermarkt ist in der Tat sehr angespannt. Wir haben noch nie so viele Lehrer eingestellt, wie in den vergangenen anderthalb Jahren. Das heißt, wir haben selbst einen entsprechenden Bedarf durch bessere Ausstattung von Ganztagsschulen, durch mehr Lehrerstellen für Inklusion und für weitere Ressourcenverbesserungen für die Schulen. Aber der ganz große zusätzliche Bedarf ist natürlich durch die rund 36.000 zusätzlichen Schüler und Schülerinnen aus Fluchtzusammenhängen entstanden. Das ist im Übrigen in allen Bundesländern ähnlich. Entsprechend ist es nicht mehr so einfach, den Bedarf aus anderen Bundesländern zu decken. Zum Halbjahr haben wir in Niedersachsen wieder 1300 Stellen ausgeschrieben.

Der Beruf des Lehrers ist nicht sonderlich attraktiv. Die Ausbildung ist langwierig, das Referendariat aufreibend. Wie lassen sich mehr junge Menschen für den Beruf begeistern?

Erst einmal ist es so, dass wir noch ausreichend Studienanfängerinnen und -anfänger haben, für diesen wundervollen Beruf. Das ist gut und soll auch so bleiben. Ich glaube, dass die Ausbildung, wie wir sie jetzt entwickelt haben, eine gute Ausbildung ist, die gewährleistet, dass wir dann auch gute Lehrkräfte in Niedersachsen haben. Deswegen würde ich an der Ausbildung nichts ändern wollen, auch wenn es ein langer Weg ist. Wir müssen im Moment eine Situation durchstehen, die sicherlich sehr angespannt ist.

In Delmenhorst ist die Schülerzahl durch die Aufnahme von Flüchtlingen und den Zuzug aus Osteuropa um 1000 gewachsen, die größtenteils auch Sprachförderung brauchen. Was kann das Land machen, um die Lage der Schulen vor Ort zu verbessern?

Wir haben ganz viele verschiedene Maßnahmen auf den Weg gebracht: Zunächst haben wir knapp 1000 zusätzliche Stellen für Lehrkräfte bereit gestellt. Wir haben aber auch die Möglichkeit geschaffen, dass wir für den Sprachunterricht Menschen befristet in den Landesdienst einstellen können. Zudem stellen wir deutlich mehr Sozialarbeiter ein. Erstmals seit langer Zeit übernimmt das Land damit wieder Verantwortung in der Schulsozialarbeit - wir wollen 1100 Schulstandorte damit erreichen. Das Land hatte seit 2003 selbst keine Schulsozialarbeiter mehr eingestellt. Die Sprachfördermöglichkeiten sind vielfältig. Wir haben einerseits die Sprachlernklassen, zum anderen haben wir aber auch die Möglichkeit, dass Schulen Sprachförderunterricht anbieten. Dafür gibt es entsprechende Stundenzuweisungen, die wir deutlich erhöht haben. Die Bedarfe, die die Schulen angemeldet haben, können wir in der Regel abdecken. Wir können dafür nicht immer ausgebildete Lehrkräfte, die Deutsch als Zweitsprache haben, dort einsetzen. Ich bin froh, dass unsere Lehrkräfte das unglaublich engagiert meistern und diese hohe Zahl an neuen Schülern wirklich gut aufnehmen an den Schulen.

Sie haben eben schon kurz das Thema Inklusion angesprochen. In Delmenhorst hat die GEW Alarm geschlagen: Schüler mit Förderbedarf erhalten nur einen Bruchteil der ihnen zustehenden Lehrerstunden. Welche Hilfestellungen kann das Land geben, damit die Ziele der Inklusion umgesetzt werden können?

Wichtig ist, dass wir die Köpfe auch haben, die die Inklusion umsetzen können. Wobei ich nicht sage, dass Inklusion nur etwas für Sonderpädagogen ist, es ist Angelegenheit jeder Lehrkraft, aber auch unserer gesamten Gesellschaft. Wir brauchen Sonderpädagogen, ihre besondere Fachexpertise. Deshalb haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, so viele Sonderpädagogen wie möglich einzustellen und die Lehrkräfte, die im System sind zu qualifizieren, weiterzubilden oder gar mit einem berufsbegleitenden Studiengang zu qualifizieren. Wir werden innerhalb von fünf Jahren 400 zusätzliche Sonderpädagogen ausgebildet haben. Wir haben insgesamt rund 25.000 Lehrkräfte in verschiedenen Modulen zum Thema Inklusion fortgebildet oder in Fortbildung. Außerdem wollen wir die Studienplatzkapazitäten für Sonderpädagogen in Niedersachsen von zirka 200 auf rund 460 pro Jahr erhöhen.

Man sieht bei der Ausstattung der Schulen einen deutlichen Unterschied zwischen finanziell besser und schlechter gestellten Gemeinden. Das ist zwar eine Sache der Kommunen als Schulträger, aber dennoch eine unfaire Situation. Lässt sich da seitens des Landes nichts steuern?

Wir haben das nach dem Schulgesetz eindeutig aufgeteilt. Wir haben jetzt Ankündigungen seitens des Bundes, dass man beabsichtigt, das Kooperationsverbot etwas zu lockern. Ich begrüße ausdrücklich, dass im neuen Finanzausgleich zumindest einmal die Absicht bekundet wurde, dass der Bund den Ländern jetzt stärker bei konkreten Gebäudeinvestitionen unter die Arme greifen kann. Ich hoffe, dass es dann auch ausreichende Mittel vom Bund für solche Schulbautenprogramme gibt. Wir brauchen einen großen Pakt zwischen Bund, Ländern und Kommunen für Bildungsinvestitionen. Wir müssen die großen Herausforderungen Integration, demografischer Wandel, kleine Schulstandorte, Inklusion und Ganztagsbeschulung gemeinsam anpacken. Da muss man wirklich richtig viel Geld in die Hand nehmen. Der Bund muss unsere Kommunen dabei unterstützen, ihre Gebäude in einen solchen Zustand zu versetzen, dass man dort gute Rahmenbedingungen für die Schüler hat.