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Interview mit Hartmut Günnemann Wie junge Migranten das Delmenhorster Handwerk stützen

Von Alexander Schnackenburg | 21.07.2015, 19:54 Uhr

Die örtlichen Handwerksbetriebe müssen sich stärker denn je um gute Auszubildende bemühen. Dabei ruhen die Hoffnungen der Kreishandwerkerschaft, des Dachverbands der hiesigen Handwerksinnungen mit ihren 330 Betrieben, nicht zuletzt auf Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Das dk sprach mit Hartmut Günnemann, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Delmenhorst/Oldenburg-Land, über Hintergründe, Chancen und Erfahrungen.

 dk: Herr Günnemann, welche Probleme lassen sich in den hiesigen Handwerksbetrieben am häufigsten bei der Integration junger Menschen mit Migrationshintergrund beobachten? 

 Hartmut Günnemann: Gar keine. Die Integration junger Menschen mit Migrationshintergrund ist in den meisten Handwerksbetrieben längst gelebte Praxis. Bundesweit lag der Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Handwerk im Jahr 2012 bei etwa sieben Prozent, höher als in allen anderen großen Berufszweigen und bei steigender Tendenz. So auch bei uns.

 Gibt es trotzdem Vorurteile zu überwinden? 

Nein. Das haben wir hinter uns, zumal die meisten Betriebe gute Erfahrungen mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund haben. Sie begreifen ihren Beruf als Chance, um sich zu etablieren, und danken es ihren Arbeitgebern mit guter Arbeit. Umgekehrt tut die Marktsituation ihr Übriges: Unternehmen, die Vorbehalte gegen Menschen mit Migrationshintergrund haben, kommen noch schwerer als ohnehin schon an gute Auszubildende.

 Weil das Handwerk schon heute unter dem vielbeschworenen Fachkräftemangel leidet? 

Bis in die neunziger Jahre türmten sich in vielen Handwerksbetrieben die Bewerbungen – eine Folge der geburtenstarken Jahrgänge. Durch den demografischen Wandel hat sich die Lage ins Gegenteil verkehrt: Wir müssen um Auszubildende kämpfen. Daher wirbt das Handwerk inzwischen um Schülergruppen, die noch vor 15 bis 20 Jahren kaum eine Chance bekommen hätten, beispielsweise um schwache Hauptschüler.

 Rächt sich für das Handwerk auch, dass der Bund seit Jahren versucht, immer mehr Abiturienten und Akademiker heranzuziehen? 

Das ist in der Tat ein großes Problem. Wir halten es für einen Fehler, immer mehr jungen Menschen vorzugaukeln, dass sie unbedingt das Abitur machen müssten, um eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Tatsächlich benötigen alle – mittlerweile über 80 Millionen – Einwohner Deutschlands immer wieder die Dienste der Handwerker. Und das wird auch so bleiben. Nicht umsonst haben wir schon heute einen gewaltigen Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften im Handwerk. Für junge Menschen liegt darin eine riesige Chance: Viele der vakanten Arbeitsplätze lassen sich auch durch moderne Technik nicht ersetzen. Das Handwerk hat daher nicht nur vielfältige, sondern auch vergleichsweise sichere Arbeitsplätze anzubieten.

 Das meistgenannte Ziel hinter der fortschreitenden Akademisierung der Gesellschaft liegt darin, in Branchen wie etwa der Pflege neue Karrieremöglichkeiten zu schaffen – und diese Branchen den Leuten somit schmackhafter zu machen. Wäre das nicht auch im Handwerk denkbar? 

Das Handwerk bietet auch ohne Akademisierung reichlich Karrieremöglichkeiten. Sie steigen als Lehrling ein, um zunächst Geselle zu werden, später vielleicht Meister. Sie können in den handelsorientierten Sparten Verkaufsleiter oder Filialleiter werden. In den baustellenorientierten Sparten können Sie Polier und Vorarbeiter werden, vielleicht sogar in die Betriebsleitung aufsteigen. Sie können sich kaufmännisch fortbilden, um etwa „Betriebswirt im Handwerk“ zu werden. Die kaufmännische Seite hat zuletzt erheblich an Bedeutung gewonnen, da die Zahl der Betriebe zwar einerseits sinkt, gleichzeitig aber jede der Filialen dieser Betriebe wächst. Um diese Filialen zu führen, benötigen die Unternehmen kaufmännisch geschultes Personal. Denken Sie nur an die vielen Bäckerei-Filialen.

 Was unternehmen Sie konkret, um Berufseinsteiger, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, für das Handwerk zu begeistern? 

Anfang Mai haben wir Lehrer eingeladen, um sie über den „5. Tag des offenen Handwerks“ zu informieren, den wir am 19. September ausrichten. An diesem Tag können Jugendliche hiesige Handwerksbetriebe besuchen, um sich ein realistisches Bild von den einzelnen Berufen zu machen: Mit was für Maschinen wird dort gearbeitet, was heißt es, Elektrotechniker zu sein, wie arbeite ich mit welchem Gerät? All das sind Fragen, die man vor Ort viel anschaulicher und lebendiger beantworten kann als etwa auf Jobbörsen oder Messen. Außerdem arbeiten wir eng mit der Volkshochschule zusammen, versuchen mit der KAUSA-Servicestelle Licht ins Dunkel der vielen Ausbildungsoptionen zu bringen, Auszubildende mit Unternehmern zusammen zu führen.