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Jüdische Gemeinde Delmenhorst Schutz des Landesherrn musste erkauft werden

Von Dirk Hamm | 04.11.2017, 10:30 Uhr

Die Anfänge des Judentums in Delmenhorst reichen zurück bis ins Jahr 1695. Nach der Zäsur des Holocaust ist seit 20 Jahren eine neue jüdische Gemeinde aufgeblüht.

140 geladene Gäste haben im August mit Reden, Musik und gutem Essen das 20-jährige Bestehen der wiedergegründeten Jüdischen Gemeinde Delmenhorst gefeiert. Ein freudiges Ereignis, dokumentiert es doch, dass das jüdische Leben in der Stadt nach dem brutalen Einschnitt durch die nationalsozialistische Herrschaft längst wieder aufgeblüht ist. Heute sind es zu einem großen Teil aus der ehemaligen Sowjetunion zugewanderte Bürger jüdischen Glaubens, die die am 24. August 1997 gegründete Jüdische Gemeinde auf rund 170 Mitglieder haben anwachsen lassen.

Gedenken an Pogromnacht vor 79 Jahren

In wenigen Tagen jährt sich die Pogromnacht des 9./10. November 1938 zum 79. Mal. Dieses Datum markiert den totalen Gegenpol zu der erfreulichen Entwicklung in den vergangenen 20 Jahren. Die schon zu Beginn des NS-Regimes einsetzende Diskriminierung, Verfolgung und Unterdrückung der deutschen Juden erreichte jetzt ein Ausmaß, das jede Hoffnung zerstörte, über die bisherigen Schritte hinaus werde den Juden nichts geschehen im Bildungsbürgerland Deutschland.

Friedliches Zusammenleben seit dem 17. Jahrhundert

Bis in die totale Vernichtung im Zuge der Deportation der verbliebenen Delmenhorster Juden nach Weißrussland im Jahr 1941 führte der schreckliche Weg von da an. Einigen war es gelungen, diesem Schicksal durch Emigration zu entgehen. Die in den Bürgersteig eingelassenen „Stolpersteine“ vor mehreren Häusern in Delmenhorst erinnern heute daran, wo früher jüdische Mitbürger gelebt haben.

Seit dem späten 17. Jahrhundert waren Juden ein Bestandteil der Bevölkerung des kleinen Städtchens Delmenhorst, das Zusammenleben von Christen und Juden gestaltete sich friedlich.

Rechtsstatus schon 1371 festgelegt

Schon in der Urkunde von 1371, mit der die Grafen von Oldenburg-Delmenhorst der vor ihrer Burg an der Delme entstandenen Siedlung das Stadtrecht verliehen, wurde die Rechtsstellung der Juden festgelegt, wie Enno Meyers „Geschichte der Delmenhorster Juden 1695-1945“ (Oldenburger Studien, Bd. 26, 1985) zu entnehmen ist.

Zwar wurde ihnen Schutz gewährt, sofern sie Abgaben bezahlten, Handel zu betreiben war ihnen jedoch verwehrt. Stattdessen sollten sie sich ausschließlich vom „wokere“ (Wucher), also vom Geldverleih gegen Zinsen, ernähren.

Betstube an Langer Straße Vorläufer der Synagoge

Zweifelhaft ist aber, ob vor dem Jahr 1695 Menschen jüdischen Glaubens in Delmenhorst gelebt haben. Erst für dieses Jahr ist belegt, dass zwei Juden in Delmenhorst den landesherrlichen Schutz erhielten. Mehrfach sprach sich der Stadtmagistrat im 18. Jahrhundert gegen weiteren Zuzug von sogenannten Schutzjuden aus, die nunmehr als Hausierer auf dem Land etwa Stoffe und Kurzwaren anboten und Geld verliehen.

Mit der Zeit entstand eine kleine jüdische Gemeinde, die inklusive der Angehörigen, Knechte und Mägde aus rund 30 Personen bestand. Man befolgte die religiösen Gebote, etwa die Sabbatruhe und die koschere Ernährung, und im Hause der Familie Heydemann an der Langen Straße wurde eine Betstube eingerichtet.

Sie war eine Vorläuferin für die erste richtige Synagoge in der Stadt: Ende August 1838 konnte in einem äußerlich unscheinbaren Fachwerkhaus, das an der Gartenstraße errichtet worden war, ein angemessener Versammlungsort eingeweiht wurde.