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Jusos bekommen wieder Gegengewicht Delmenhorster Politik-Nachwuchs kämpft gegen Verdruss

01.04.2015, 18:45 Uhr

Mit dem neuen Vorstand der Jungen Union gibt es in der politischen Jugendarbeit in Delmenhorst jetzt wieder ein Gegengewicht zu den Jusos. Jugendverbände kleinerer Parteien sind teilweise gar nicht erst existent. Von Frederik Grabbe und Jan Eric Fiedler

Blickt man auf die Sitzverteilung im Rat der Stadt, fällt auf, dass sich das Verhältnis der Parteien nicht wirklich in der Präsenz ihrer politischen Nachwuchsverbände widerspiegelt. Platzhirsche sind mit 40 Mitgliedern die Jungsozialisten (Jusos). Andere Organisationen waren bisher nicht existent oder dämmerten vor sich hin. Nach zweijähriger Pause besteht nun ein neuer Vorstand bei der Jungen Union (JU) . Bei den jüngsten Vorstandswahlen im Hotel Thomsen wurde der 25-jährige Nils Pagel zum Vorsitzenden gewählt. „Seit 2012 war es ruhig um die JU“, erzählt Pagel. Umzüge und berufliche Verpflichtungen bisheriger Vorstandsmitglieder hatten die Arbeit einschlafen lassen. Das soll sich jetzt ändern: Pagel und seine Mitstreiter sind angetreten, um jungen Menschen die Politik wieder näher zu bringen und sie zur aktiven Teilnahme zu motivieren. Pagel selbst ist während der Bundestagswahl 2013 zur Politik gekommen. „Da habe ich entschieden, politisch was zu machen.“ Er trat zunächst in die Landkreis-JU ein, denn der Delmenhorster Kreisverband war inaktiv. Der 25-Jährige Delmenhorster arbeitet bei der Oldenburgischen Landesbank. Parallel studiert er Wirtschaftswissenschaften an der Jade-Hochschule und schreibt gerade seine Bachelorarbeit. Doch auch in Delmenhorst hat sich in letzter Zeit etwas bewegt: „Ein Mit-Azubi von der OLB meinte zu mir, dass er auch Lust hätte“, erzählt er. Noch zwei weitere Mitglieder konnten geworben werden. „Auf einmal waren wir wieder fünf Leute.“

Nachdem durch die Neuwahlen die Handlungsfähigkeit hergestellt wurde, soll nun die Reichweite der JU vergrößert werden. „Ich hoffe, dass durch die Reaktivierung der Facebook-Seite der eine oder andere auf den Zug aufspringt.“

Zunächst auf der Agenda: Das politische Profil schärfen

Nun steht die Schärfung des inhaltlichen Profils an. „Wir wollen nicht in tausend Richtungen gehen und dabei nicht konkret werden.“ Ein Thema steht aber definitiv fest: „An die Schulpolitik wollen wir auf jeden Fall ran. Wir sehen im Land Niedersachsen eine arge Fehlentwicklung. Wir wollen in den Dialog treten, um die Vielfalt der Schullandschaft in Delmenhorst zu erhalten.“

Und ein weiterer Punkt ist klar: Die JU will die Politikverdrossenheit der Jugend bekämpfen. Und dies über die Parteigrenzen hinweg. „Das ist eine Aufgabe für alle“, sagt Pagel mit Blick auf Jugendorganisationen andere Parteien. Erste Kontakte bestünden bereits: Mitglieder der Jusos hatten sich zur Neugründung der Jungen Union eingefunden – mussten die Sitzung aber wieder verlassen mit den Hinweis, dass es sich um eine interne Veranstaltung handle, so der Chef der Jusos, Adrian Mende (19). Wie dem auch sei. Auch Mende sagt: „Eine Wahlbeteiligung von 50 Prozent ist zu niedrig.“

Platzhirsche der Jusos erhalten nun Konkurrenz

Um das öffentliche Interesse, im Speziellen für Kommunalpolitik, anzukurbeln, wollen die Jusos ein entsprechendes Seminar organisieren – „gerne auch mit Beteiligung der JU“, betont Mende. Als stärkste Gruppe des politischen Nachwuchses versuchen die Jusos unter anderem, sich über Anträge Gehör zu verschaffen. „Die SPD hat gerade einen unserer Anträge bestätigt, worin wir die Stadt auffordern, Auskunft zu geben, wie heutige Entscheidungen künftige Generationen beeinflussen werden“, sagt Mende. Wie werden sich Arbeiten am Innenstadtpflaster oder an der Graft finanziell auswirken? Oder wie lässt sich heute anhand der Wohnbauplanung voraussagen, ob Delmenhorst künftig eher senioren- oder familienfreundlich aufgestellt sein wird?

Neue Mitglieder mit dem Go-Kart werben?

In der Vergangenheit hatten die Jusos bereits eine Liste über Mängel an Schulen erstellt. Mit ihrer Arbeit waren sie nun lange Platzhirsche in der politischen Jugendarbeit in der Stadt: Die Jungen Liberalen (Julis) der FDP waren zuletzt 2013 auf Facebook aktiv und sind de facto politisch nicht existent. Immerhin möchte FDP- Kreisvorsitzender Tamer Sert die Julis in diesem Jahr neu beleben. Unter Juli-Chef Oliver Otto sei die Arbeit eingeschlafen. Allerdings: „Jungpolitiker zu bekommen ist sehr schwer“, sagt Sert. „Nach dem Abitur wandern zum Studium viele Junge Leute in andere Städte ab.“ Unter diesem ständigen Aderlass leide auch die Motivation der Verbliebenen. Sert möchte junge Leute ansprechen, indem er Veranstaltungen wie das traditionelle Go-Kart-Fahren der Julis auf die Beine stellt, ohne aber gleich einen FDP-Mitgliedsantrag auf den Tisch zu legen.

Teilweise wird ein eigener Jugendverband nicht erst als nötig erachtet

Auch die Grünen leiden darunter, dass junge Menschen zum Studieren abwandern. Sie setzen laut Stadtfraktionsmitarbeiter Philip Schmitz auf eine Mitgliederkampagne im Sommer. Unter den Neulingen könnten sich potenzielle „Junge Grüne“ befinden, so die Hoffnung.

Die Not, unbedingt für Nachwuchs sorgen zu müssen, verspüren Linken und Piraten nicht. Ihre Jugendverbände gibt es in Delmenhorst nicht. „Wir haben zehn junge Leute bei uns. Einen eigenen Verband möchten sie aber nicht gründen“, sagt Linken-Sprecher Hartmut Rosch. „Wir räumen ihnen ein Mitspracherecht ein und und wir sind nicht so hierarchisch gefestigt, wie andere Parteien.“ „Junge Themen“ stünden weniger auf der Agenda, denn die Jungen hätten eher Interesse an den Themen der „Großen“. Ähnlich äußert sich der Fraktionschef der Piraten, Andreas Neugebauer. Über Denkansätze, Jungen Piraten ins Boot zu holen, sei man nicht hinaus gekommen.