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Justiz-Nachwuchs gesucht Delmenhorster Schüler besuchen das Amtsgericht

Von Merlin Hinkelmann | 03.03.2017, 19:01 Uhr

Wie sieht der Arbeitsalltag eines Rechtspflegers aus? Welche Voraussetzungen braucht es, um Justizfachwirt zu werden? Alles Fragen, auf die Delmenhorster Schüler bei einem Betriebsbesuch des Amtsgerichts Antworten fanden.

„Normalerweise stehen hier keine Kaffeetassen“, sagt Amtsgerichts-Direktor Hanspeter Teetzmann und deutet auf den Tisch neben sich. Recht hat er: Statt für Kekse und Teekanne ist dieser Platz eigentlich für Angeklagte vorgesehen. Doch an diesem Freitag war das anders. Auf den Stühlen hinten im Schöffensaal saßen auch keine Prozesszuschauer wie sonst. Sondern Schüler von der BBS I und der Hauptschule. In Zusammenarbeit mit der Zukunftswerkstatt Ausbildungsplatzinitiative (ZWAIG) haben sie sich im Amtsgericht über Ausbildungsberufe in der Justiz informiert.

Nachwuchssorgen treibt Justiz um

„Die Justiz braucht Nachwuchs.“ Mit diesen deutlichen Worten wandte sich der Direktor an die Jugendlichen. „Unsere Mitarbeiter werden älter, deshalb sind wir auf junge Berufseinsteiger angewiesen.“ Wer sich für einen Beruf in der Justiz entscheide, profitiere von besonderen Vorteilen, betonte Teetzmann. Stichwort Beamten-Status: „Nach der Ausbildung werden Sie auf jeden Fall einen festen Job finden. Denn eines ist sicher: Rechtsstreitigkeiten wird es unter Menschen immer geben.“

Bewerberzahlen gehen zurück

Diplom-Rechtspfleger Timo Spille nahm sich mehr als zwei Stunden Zeit für die Schüler, um sie über die Ausbildungen zum Justizfachwirt und zum Rechtspfleger aufzuklären. Auch er sprach die Nachwuchs-Sorgen der Justiz an: „Die Bewerberzahlen sind merklich zurückgegangen. Wir können es uns nicht leisten, einfach nichts zu tun.“ Und genau deshalb stehe er heute hier: Um die jungen Menschen wieder für die Justiz zu begeistern. Bevor er die Berufsbilder vorstellte, räumte er noch mit einem Vorurteil auf: „Hier geht es etwas anders zu als bei Richterin Barbara Salesch im Fernsehen.“

Keine Scheu vor Paragrafen

Wer schon mal vom Beruf des Rechtspflegers gehört habe, fragte er in den Raum hinein. Schweigen. „Das habe ich mir gedacht“, sagte Spille und erläuterte das duale Studium zum Diplom-Rechtspfleger. Eines machte er dabei deutlich: „So wie Richter oder Staatsanwälte sind Rechtspfleger allein an Recht und Gesetz gebunden. Sie können also komplett eigenverantwortlich arbeiten.“ Ein Alleinstellungsmerkmal im gehobenen Dienst, wie der Referent hervorhob. Von Erbschaftsangelegenheiten und Insolvenzverfahren bis hin zu Zwangsversteigerungen: All das falle in den Aufgabenbereich eines Rechtspflegers. „Vor Paragrafen oder Büroarbeit sollte man da keine Scheu haben.“ Die Mischung sei es, die Kombination aus Büroarbeit und Umgang mit Menschen, die den Job so reizvoll mache. Das sei beim Justizfachwirt, der „Schnittstelle zwischen Bürger und Justiz“, nicht anders.

Schüler angetan vom Ausbildungsangebot

Auch zum mehrstufigen Auswahlverfahren verlor Spille einige Worte, gab dabei immer zu bedenken: „Wir suchen nicht die Besten. Wir suchen die Geeignetsten.“ Ob nun das duale Studium oder die Ausbildung zum Justizfachwirt: Beides sei anspruchsvoll, aber gut machbar. Die Schüler jedenfalls überzeugte er mit seinem Vortrag. „Echt spannend, wie abwechslungsreich die Justizberufe sind. Damit hätten wir nicht gerechnet“, urteilten Selin Izgi (16) und Yasmin Ali (17). Beide besuchen die einjährige Berufsfachschule Wirtschaft mit dem Schwerpunkt Bürodienstleistungen. Ihre Lehrerin Angela Ahrens zeigte sich ebenfalls überrascht: „Ich wusste vorher gar nicht, wie attraktiv dieses Berufsfeld ist. Ich werde das neue Wissen auch mit den anderen Schülern teilen – als Multiplikatorin.“