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Kaputtes und Klönschnack Reparaturcafé Delmenhorst: Mein lieber Föhn

Von Frederik Grabbe | 25.08.2015, 20:10 Uhr

Seit Februar wird im Reparaturcafé der AG 60plus Gebrauchtes und Verschlissenes repariert. Oft geht es dabei nicht nur um die Mechanik, sondern auch um die Gemeinschaft. Ein Besuch.

Die Liebe zu Objekten ist ein kurioses Ding. Manch einer mag daheim seinen Oldtimer hegen und pflegen. Andere wiederum haben ein bestimmtes Haushaltsgerät lieb gewonnen und mixen seit Jahrzehnten mit dem gleichen Mixer oder föhnen mit dem gleichen Föhn. Die Liebe zum Haushaltsgerät muss nicht geringer sein. Niemand weiß das besser als Karl-Günter Ziesmer.

Ein Gerät neu kaufen? Nicht so lange Hoffnung besteht

Der 76-Jährige ist seit Februar einer von zwei Organisatoren des Reparaturcafés der AG 60plus der SPD . „Die Beziehung der Leute zu ihren Haushaltsgeräten ist manchmal sehr eng“, weiß Ziesmer. 30, manchmal sogar 40 Jahre hätten Bügeleisen, Bohrmaschine & Co. auf dem Buckel, bis sich der Verschleiß letztlich bemerkbar macht. Ein neues Gerät kaufen? Nicht, solange Hoffnung besteht. „In der Regel haben es unsere Reparateure mit Kleinigkeiten zu tun. Kabelbrüche oder Schalterfehler sind die gängigsten Probleme“, sagt Ziesmer. „Manchmal ist das Gerät aber auch einfach Schrott.“

Techniker der Stadt in den eigenen Reihen

Gegen den Schrott kämpft an diesem Freitag unter anderem Horst Gellermann an. Er schraubt an einem Rührwerk von Giesela Eng, manche nennen es auch Mixer. „Das ist das Einfachste, was man so machen kann“, sagt Gellermann. „Der Abknickschutz fürs Stromkabel ist defekt, in der Folge ist das Kabel gebrochen. Der Mixer ist vom Strom abgeschnitten“, erklärt er. Gellermann muss es wissen. Der 75-Jährige war über 25 Jahre lang Betriebselektriker bei der Norddeutschen Wollkämmerei, später war er unter anderem bei der DLW tätig. Andere Reparateure arbeiteten früher ebenfalls für bekannte Delmenhorster Betriebe. Rühmt sich die Stadt heute stolz als ehemaliger Industriestandort, haben diese Männer in gewisser Weise Delmenhorster Maschinen zum Laufen gebracht. Auch wenn es heute „nur“ um Mixer gehen mag, ist ihr Ehrgeiz ungebrochen.

Wider die Wegwerfgesellschaft

„Scheibenkleister“, flucht Gellermann, als ihm eine Schraube ins Gehäuse rollt. „Einen Schraubenzieher mit Magneten, so etwas brauche ich“, stellt er fest. Auch ohne das Utensil mixt der Mixer später wieder einwandfrei. „So etwas habe ich ewig vermisst“, lobt Giesela Eng das Reparaturcafé gut gelaunt. „Ich finde es gut, dass Müll vermieden wird. Das stört mich an der Wegwerfgesellschaft.“

Politische Noten und Klönschnack

Es ist nicht die einzige politische Note, die durch den Raum schwebt. „Wir sehen das Café als soziales Angebot“, sagt Ziesmer. „Der Bogen ist weiter gespannt. Hier wird nicht einfach nur repariert. Man sitzt zusammen und schnackt sich einen aus.“ Kaputtes und Klönschnack, so laute die Devise. „Das ist Teil der städtischen Kultur für mich“, sagt Ziesmer. Vorrangig Senioren besuchten das Reparaturcafé. Seit Februar hätten die Tüftler des Cafés in 200 Fällen helfen können . „Zu 95 Prozent gehen die Leute zufrieden nach Hause“, sagt Ziesmer.

Oft seien unter den Besuchern Personen, die finanziell nicht die Möglichkeit hätten, sich ein neues Gerät zu kaufen. Eine Konkurrenz zum Gewerbe stelle das Reparaturcafé aber nicht dar, betont Ziesmer.

Die Maschine ruckelt und knattert vielversprechend

Dann heißt es wieder Schrauben. Schon zum zweiten Mal haben Christa und Hans-Dieter Pfingsten aus Bookholzberg eine ganz harte Nuss mitgebracht: Ihre Kaffeemaschine leitet das Wasser nicht in die Tasse, sondern in die Auffangschüssel. Die letzten zwei Jahre stand sie darum in der Garage. „Ein schwieriger Fall“, befindet ein Tüftler, der seinen Namen nicht nennen mag. Beim ersten Mal musste der gelernte Elektriker passen. Heute reinigt er die Technik der Maschine. Bei einem ersten Testlauf mahlt die Maschine die Bohnen, knattert und ruckelt vielversprechend. Aber es riecht auch leicht verqualmt.

Immerhin findet der Kaffee seinen Weg in die Tasse, bis sie halb voll ist. „Langt Euch das zum Frühstück?“, scherzt der Tüftler mit dem Ehepaar. Notfalls gehe er noch einmal ran, sagt er ehrgeizig und verspricht: „So leicht gebe ich nicht auf.“