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Keime gefunden Delmenhorster Labor beklagt Hygiene in Stadien

Von Merlin Hinkelmann | 09.06.2017, 08:38 Uhr

Fäkalkeime auf Fischbrötchen und dunkler Schleim in den Wasserhähnen: Das Delmenhorster Labor für Chemische und Mikrobiologische Analytik (Lafu) hat die Hygiene-Zustände in drei Bundesligastadien unter die Lupe genommen – mit beunruhigendem Ergebnis.

Gary Zörner ist kein Fan von Werder Bremen. Das hat weniger mit der sportlichen Leistung des Vereins zu tun. Nein, dem Lafu-Chef geht es um etwas völlig Anderes, nämlich um die Hygiene im Weser-Stadion. Die „ARD-Radio-Recherche Sport“ hat die Hygienezustände in den Stadien in München, Köln und Bremen untersucht und Stichproben vom Trinkwasser und von Lebensmitteln genommen. Undercover, versteht sich. Zörners Aufgabe war es dann, die Proben in seinem Labor zu untersuchen. Das Ergebnis dürfte nicht nur Fußballfans erschüttern: Im Weser-Stadion wurden auf zwei von zwei untersuchten Fischbrötchen Fäkalkeime gefunden, eines von beiden war zudem mit Eiterbakterien belastet.

10.000 Bakterien pro Gramm Bier

Die Proben aus dem Kölner Rhein-Energie-Stadion waren nicht minder besorgniserregend: „Der Döner, der dort verkauft wird, ist hochgradig mit Fäkalkeimen kontaminiert“, befindet Zörner. Wie kann so etwas passieren? Der Lebensmittelchemiker glaubt, die Antwort zu wissen. „Vermutlich hat der Verkäufer mit seiner Hand nicht nur das Essen, sondern auch das versiffte Wechselgeld berührt.“ Das sei ein „absolutes No-Go“ für Bundesligastadien. Auch die Hygiene beim Bier sei „katastrophal“ gewesen. Der Laborchef fand über 10.000 Bakterien pro Gramm Bier. Und das schlechte Bild setzt sich in der Müncher Allianz-Arena nahtlos fort: Keime in Wraps und in belegten Brötchen! Laut Zörner käme das nicht von ungefähr: „Das ist kein Wunder, wenn sich jemand 20 Zentimeter von den Lebensmitteln entfernt seine Nase putzt – und die Tröpfchen schön im Raum umherfliegen.“

„Man darf sich nicht aus der Verantwortung stehlen“

Auch wenn der Laborchef mit den schlechten Ergebnissen gerechnet hat, ist es für ihn nicht weniger als ein „Riesen Hygiene-Mangel“. Dass die betroffenen Vereine die Ergebnisse seiner Untersuchungen zurückweisen, kann er so gar nicht nachvollziehen. „Wenn so etwas hochkommt, muss man offensiv damit umgehen“, sagt Zörner. Man dürfe sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Caterer seien nun einmal für die Hygiene ihrer Lebensmittel verantwortlich, müssten deshalb qualifiziert geschult werden. „Ein einfaches Infoblättchen reicht eben nicht aus.“ Entscheidend sei im Übrigen eine konsequente Kühlkette. Denn Zörner weiß: „Bei der richtigen Temperatur kann sich die Population von Bakterien innerhalb von nur 20 Minuten verdoppeln.“

Vorschriften werden missachtet

Doch die Lebensmittel-Hygiene ist nicht das einzige Problem. Laut Gutachten ist auch das Trinkwasser in den Stadien belastet. In sogenannten Perlatoren, das sind Filter in den Wasserhähnen, fand das Labor dicken, dunklen Schleim – in allen drei Stadien war das der Fall, im Weser-Stadion wurden zusätzlich Staphylokokken, also Krankheitserreger, festgestellt. „Da muss irgendetwas mächtig schiefgelaufen sein“, meint Zörner. „Ich bezweifle ganz stark, dass das Trinkwasser in den Stadien regelmäßig getestet wird.“ Denn genau das sei nämlich Vorschrift. Alle 72 Stunden müssten die Leitungen durchgespült werden. In Fußballstadien, die auch mal zwei Wochen am Stück nicht besucht werden, sei das umso wichtiger. „Sonst bilden sich Biofilme in den Rohren und die Bakterien vermehren sich.“

Fehlendes Hygiene-Bewusstsein in der Gesellschaft

Bei den ARD-Recherchen fand man noch etwas heraus: Bei einem Drittel der Bundesligastadien – übrigens nicht beim Weser-Stadion – wurden in den vergangenen Jahren Legionellen im Trinkwasser gefunden. „Das sind sehr gefährliche Bakterien, die über die Atemwege in die Lunge gelangen, zum Beispiel beim Duschen.“ Damit stellen sie eine besondere Gefahr für die Fußball-Profis dar. „Das muss man sich mal vorstellen“, klagt Zörner. „Die Vereine investieren Millionenbeträge in ihre Spieler, die Hygiene aber wird vernachlässigt.“ Zörner ist überzeugt, dass die fatalen Untersuchungsergebnisse ein Symptom sind. Und das hänge mit einem gesellschaftlichen Problem zusammen: „Es fehlt den Menschen an Hygiene-Bewusstsein. Sie lernen es nicht in der Schule, nicht in der Uni, auch nicht später im Beruf.“ Zörner will das ändern, die Aufdeckung von Missständen hilft ihm dabei. Gerade erst hat er eine Nachricht vom Caterer des Weser-Stadions erhalten. Dieser habe versprochen, seine Lebensmittel in Zukunft stärker zu untersuchen. „Das ist ein Riesen-Erfolg, dafür mache ich meine Arbeit.“