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„Kiosk ist einfach Kult“ 32 Quadratmeter Glück an der Berliner Straße 19

Von Marco Julius | 03.06.2015, 18:01 Uhr

Johannes Musiol betreibt seinen Kiosk in Stickgras/Annenriede in der dritten Generation. Der gelernte Betriebswirt bringt die nötige Leidenschaft und den nötigen Idealismus mit.

Im Jahr 1954 gewinnt die deutsche Elf um Fritz Walter, Helmut Rahn und Max Morlock – oh Wunder – im Berner Wankdorfstadion die Fußball-Weltmeister, als Elisabeth Schwierzy an der Berliner Straße 19 in Delmenhorst einen Kiosk eröffnet.

Heute – über 60 Jahre später – gibt es den Kiosk noch immer, auf den Titeln der Illustrierten, die der heutige Betreiber Johannes Musiol verkauft, ist jetzt Mario Götze zu sehen, nicht Fritz Walter. Johannes Musiol führt den Kiosk in dritter Generation. Seit acht Jahren macht er das jetzt schon. Warum? „Kiosk ist einfach Kult“, sagt der 42-Jährige. Und irgendwie sei er auch ein Aussteiger. Der gelernte Betriebswirt hat lange Zeit im Lebensmittel-Großhandel gearbeitet, bevor es ihn in das heute 32 Quadratmeter – die Fläche hat sich seit 1954 verdreifacht – kleine Geschäft verschlagen hat. „Ich bin morgens um 5 der Erste, und gehe nach 20 Uhr als Letzter“, sagt er. Als Kioskbetreiber müsse man auch Idealist sein.

Stammkunden wichtig fürs Geschäft

Er hat den Kiosk von seiner Mutter Elisabeth Musiol und seiner Tante Thea übernommen, beide haben ihm in der Anfangszeit geholfen, damit die Stammkunden auch Stammkunden bleiben. Denn die machen noch heute den Großteil des Geschäfts aus. Seit 2008 ist der Kiosk zugleich eine Mini-Post-Filiale. „Ein Geschäft zieht das andere“, sagt Musiol. Wer ein Paket abgibt, kauft vielleicht gleich noch Zigaretten. Zudem ist das Lotto-Geschäft noch ein wichtiges Standbein an der Berliner Straße.

Ganz allein ist so ein Kiosk nicht zu stemmen. Sechs Tage ist geöffnet, immer von 5.30 bis 20 Uhr. „Am siebten Tage sollst du ruhen“, sagt Musiol augenzwinkernd – und hält sich daran. Er hat ein festes Team um sich, dazu gehört unter anderem Cornelia Fels. Und mit Sibel Budak hat er sogar eine Auszubildende beschäftigt. „Als Mitarbeiterin im Kiosk ist man auch eine kleine Psychologin“, sagt sie. Zuhören können sei wichtig.

Handel ist Wandel

Bunte Tüten, Brötchen, Zeitschriften, Zigaretten gehen über den Verkaufstresen. Dass Handel Wandel ist, weiß der gelernte Betriebswirt Musiol natürlich: „Man muss mit der Zeit gehen, sonst geht man mit der Zeit.“ Manche Dinge könne man aber nicht beeinflussen. Die Vollsperrung der Berliner Straße kürzlich, die habe schon Kunden gekostet. Und die angekündigte Sanierung der Syker Straße, die ein langwieriges Unterfangen werden könnte, macht ihm auch Sorgen, die ist nicht gut fürs Geschäft.

Menschen reich gemacht

Reich werden, das kann man mit einem Kiosk kaum. Aber Menschen reich machen, das schon. Da gibt es ein Hustenbonbon für den kränkelnden Stammkunden gratis obendrauf, ein Lächeln dazu. Das ist schon viel wert. Aber der Kiosk an der Berliner Straße hat sogar schon einen Lotto-Millionär hervorgebracht. „Ein Mann von außerhalb, der hatte zuhause vergessen zu tippen. Er kam zu uns, kramte die Zahlen aus dem Gedächtnis, machte dabei sogar einen Fehler und gewann dann mit diesen Zahlen“, erinnert sich Musiol.

Bitter hingegen eine andere Geschichte: Ein Stammkunde, der 40 Jahre die gleichen Zahlen getippt hatte, gab irgendwann auf. „Er wollte den Einsatz lieber sparen, weil er es nicht so dicke hatte. Die Zahlen hatten sich natürlich in sein Gehirn eingebrannt.“ Und dann, acht Wochen später, hätte er einen Fünfer mit Zusatzzahl gehabt. „35 000 Euro wären es gewesen“, erinnert sich Musiol. Viel Geld. Fritz Walter hat für den Titel 1954 lediglich 500 Deutsche Mark, einen Fernseher und einen Koffer bekommen.