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Klassenloses Krankenhaus gefordert Delmenhorster Jusos zeitweilig im Banne der 68er

Von Paul Wilhelm Glöckner | 06.10.2018, 12:42 Uhr

Es rumorte auch in der Delmenhorster SPD, als Jusos vor 50 Jahren innerhalb der Partei für linke Reformideen kämpften. Das klassenlose Krankenhaus war eine ihrer Hauptforderungen.

„Wir waren respektlos gegen unsere älteren Genossen, uns bewegten Themen, die wir damals für revolutionär hielten, aber es hat sich dadurch auch in der Gesellschaft etwas bewegt“, resümiert Ulla Lange, wenn sie über ihre Zeit bei den Jusos in Delmenhorst berichtet. Die spätere Grundschullehrerin kam aus Frankfurt an die Delme, war dort im Sozialistischen Hochschulbund (SHB) Mitglied geworden und begann Anfang der 70er Jahre ihren „Marsch durch die Institutionen“ in einer sich soeben gewandelten Juso-Gruppe der Delmenhorster Sozialdemokratie.

Linke Ideen in die SPD getragen

In der alten, aus Holz gebauten Grafthalle, in der seinerzeit noch alle SPD-Genossen der Delmestadt ihre Versammlungen abhielten, hat sie mit dafür gesorgt, dass linke Ideen, die teilweise aus der Außerparlamentarischen Opposition (APO) stammten, innerhalb ihrer Partei diskutiert wurden. Und sie half dabei, Mehrheiten im Kreisvorstand und bei der Kandidatenaufstellung zur Kommunalwahl zu verändern. Wie in „Von Hus un Heimat“ im April 2006 berichtet wurde, führte das schließlich zu einer völligen Veränderung der SPD-Führungsspitze, wobei den Jusos zugute kam, dass sie immer mehr Zulauf aus Studenten- und Oberschülerkreisen bekamen, die wegen Willy Brandt in die SPD eingetreten waren.

Und diese jungen Leute harrten in den Versammlungen, die einige Male Mitternacht überschritten, aus. Manchmal waren mehr als 200 Mitglieder anwesend. Die Juso-Anträge wurden durchgesetzt, wenn die älteren Mitglieder längst den Heimweg angetreten hatten.

Radikaldemokratische Vorstellungen

Herausragende Themen sind damals die Aktionen in der Innenstadt für ein klassenloses Krankenhaus. Dort gibt es noch Säle, in denen zwölf Patienten untergebracht sind. Auch will man eine Neubelebung des Rings politischer Jugend erreichen, der seine Arbeit eingestellt hatte, sodass an ihn keine finanziellen Mittel mehr ausgezahlt werden. Als sich die Junge Union der CDU weigert, mitzumachen, veranstalten die Jusos einen Trauermarsch durch die Stadt, wobei ein Sarg mitgetragen wird. Und sie gründen ein Infoblatt, welches, als ihre Vertreter im Kreisvorstand die Mehrheit erreicht haben, allen damals 600 Mitgliedern der Delmenhorster SPD zugestellt wird und in dem sie ihre radikaldemokratischen Vorstellungen erläutern.

Für Trennung von Amt und Mandat

Dazu gehört auch bald die Einführung der strikten Trennung von Amt und Mandat. Danach kann ein SPD-Vorstandsmitglied nicht noch gleichzeitig auch im Rat der Stadt Sitz und Stimme haben, was auf heftigen Widerstand der Altvorderen trifft, die ihre Mandate behalten wollen. Besonderen Zündstoff bildet sodann das sogenannte „politische Mandat“, nach dem die SPD-Ratsmitglieder an die Beschlüsse der Kreismitgliederversammlung gebunden sind, eine klare Anleihe aus dem Arsenal der Rätedemokratie, was juristisch aber nicht zu halten ist.

Streit um den richtigen Weg

So kommt es schließlich auch zu Auseinandersetzungen um den richtigen Weg innerhalb der Jusos, zumal auch auf Bundesebene inzwischen verschiedene Fraktionen existieren. Führungskräfte wie Dr. Helmut Kinny favorisieren dabei die „Hannoveraner Linie“, begründet vom späteren Bundeskanzler Gerhard Schröder, andere vertreten die „Stamokap“-Theorie , die auch bei der DKP vorherrscht, oder suchen im Sozialistischen Büro Offenbach nach dem berühmten „Dritten Weg“.

Traditionelle Parteikarriere im Sinn

Jusos wie Harald Groth oder Jürgen Thölke streben immer offener eine traditionelle Parteikarriere an, was weitere Erosionen innerhalb der Gruppe nach sich zieht, und schließlich ebbt die Bewegung ab. Die Folge: Viele der linken Intellektuellen wenden sich ab 1974/75 auch in Delmenhorst wieder von der „alten Tante“ SPD ab, weil sie erkennen müssen, dass mit ihr keine revolutionären Veränderungen zu machen sind, und schließen sich neu entstehenden Gruppen etwa in der Anti-AKW- oder der Friedensbewegung an.