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Dritter Verhandlungstag in Oldenburg Klinikmörder Niels Högel gesteht 26 Taten ein

Von Jan Eric Fiedler und Frederik Grabbe | 22.11.2018, 13:49 Uhr

50 Fälle sind bislang vor dem Oldenburger Landgericht im Fall mutmaßlichen Mordserie Niels Högels besprochen worden. 26 Taten hat der 41-Jährige eingeräumt, vier streitet er ab, an 20 kann sich nicht erinnern. Unklarheiten bleiben weiter bestehen.

Diese Nacht ist ihm tief im Gedächtnis geblieben. 5 bis 6 Menschen mussten in der Nacht vom 14. auf den 15. September 2001 in der Intensivstation des Klinikum Oldenburgs reanimiert werden. Ungewöhnlich viele. Der wegen 100-fachen Mordes angeklagte Niels Högel erinnert sich 17 Jahre später vor dem Landgericht Oldenburg an zwei dieser Patienten, Johann L. und Karl C., sehr genau. An ihre Herzprobleme, wie der damalige Krankenpfleger ihnen Medikamente spritzte, an die Rettungsversuche. Bei Bernhard B. streikt Högels Erinnerung jedoch. Auch er starb in der „Nacht der Reanimationen“, wie sie vor Gericht am dritten Verhandlungstag genannt wird. Ob durch die Hand Högels? Der 41-Jährige schließt es nicht aus.

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Foto soll Erinnerung wecken

Die Anwältin des Sohnes Bernhard B.s reicht in den Weser-Ems-Hallen Niels Högel über einen Polizisten ein Foto. Darauf zu sehen ist B. „Hilft Ihnen das Foto, sich zu erinnern?“ Högel guckt, zögert kurz. Schüttelt den Kopf. „Herr Högel, was fühlen Sie, wenn sie das Foto von Herrn B. sehen?“ Högel erneuert seine Gefühle der Scham, der Trauer, die er am zweiten Verhandlungstag geäußert hatte. „Ich kann nichts wieder gut machen, gar nicht. Das weiß ich. Ich entschuldige mich trotzdem in aller Form bei Ihnen“, spricht er den Sohn des Verstorbenen B. direkt an. „Wenn es einen Weg gäbe, meine Taten rückgängig zu machen, ich würde ihn gehen. Ich sitze hier in der vollen Überzeugung, jeden Angehörigen durch meine Aussagen weiterhelfen zu können.“

Gesichter helfen nicht bei der Erinnerung, Daten schon

Es ist das erste Mal, das Högel in diesem Prozess einen Angehörigen eines Verstorbenen anspricht. Und es ist das erste Mal, dass er ausdrücklich sagt, dass er den Hinterbliebenen mit seinem Wissen weiterhelfen will. Bei diesem Versuch werden die Gesichter der Toten nicht weiterhelfen. Und damit auch keine Fotos. Das wird durch einen zweiten Versuch der Nebenklage deutlich, als auf Wunsch der Witwe von Adolf H. Högel ein zweites Foto vorgelegt wird.

Fälle 27 bis 50 vor Gericht besprochen

Die Fälle 27 bis 50 bespricht das Gericht am dritten Verhandlungstag. Högel beschreibt auf die Frage des Vorsitzenden Richters Sebastian Bührmann, wie er seine Erinnerungen an die Jahre zurückliegenden Fälle rekonstruiert. „Durch die Diagnosen und Krankheitsbilder, die mir in den Akten zur Verfügung gestellt wurden.“ Gesichter, sagt Högel, habe er auf der Oldenburger Intensivstation so gut wie gar nicht gesehen. „Ich habe mehr auf die Monitore geblickt, als auf die Menschen“, was auch daran gelegen habe, dass ihre Gesichter oft durch Schläuche verdeckt waren. Högel hat sich über einen Laptop der Polizei vorbereitet. Die Daten, nicht die Gesichter, spülen bemerkenswert viele Erinnerungen zurück.

Richter zu Högel: Was Sie den Angehörigen zurückgeben können, ist Gewissheit

Das empfindet Richter Bohrmann ebenso. „Wir hören, dass sie sich zu den meisten Fällen bekennen. Was Sie den Angehörigen zurückgeben können, ist Gewissheit. Umso wichtiger ist es, dass Sie klar sagen, wenn sie nichts gemacht haben.“ In der Mehrzahl, 26 Mal, gesteht Högel bislang Manipulationen an Patienten ein. In 20 Fällen kann er keine Erinnerung abrufen, schließt aber nicht aus, dass diese Patienten in die Krise gespritzt hat. Vier Taten bestreitet er.

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Es kündigt sich jetzt schon an, dass eine Urteilsfindung komplex werden wird. Hat Högel einen Patienten in die Krise gespritzt? Und ist der Patient tatsächlich daran gestorben? Das ist juristisch ein großer Unterschied. Und nicht jeder Fall ist eindeutig.

Einige Fälle bleiben nicht eindeutig

Einer dieser unklaren Fälle ist Regina P. Im März 2003 wird die damals Mitte 30-Jährige ins Delmenhorster Klinikum eingeliefert. Nach einem Suizidversuch mit Antidepressiva und Psychopharmaka steht es schlecht um sie. Obwohl mit großem Aufwand versucht wird ihr Leben zu retten, verstirbt die Frau. Später wird Lidocain in ihr gefunden. In der Dokumentation taucht es später nicht auf. Laut Högel wird Lidocain in solchen Fällen als Gegenmittel verabreicht. „Vielleicht ist es nicht aufgeschrieben worden?“, mutmaßt er. Aufgrund der tragischen Umstände bei Regina P. sei ihm nicht in den Sinn gekommen, sie in die Krise zu führen. „Da bin ich mir sehr sicher.“

Högels Aussageverhalten ist bemerkenswert offen. Warum er denn nicht schon früher begonnen hätte, umfassend auch über die Oldenburger Zeit auszusagen, fragt der Psychologe und Sachverständige Konstantin Karyofilis. „Ich verspürte absolute Scham“, sagt Högel. „Meine Taten vor einem Richter, vor meiner Familie einzugestehen, dazu war ich damals nicht in der Lage.“ Jetzt, so klingt es, ist er es.

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