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Kolumne Quergedacht: Wenn der Mai gekommen ist

Eine Kolumne von Marco Julius | 08.05.2019, 11:24 Uhr

In der neuen Folge unserer frühlingshaften Kolumne „Quergedacht“ geht es um Gefühle, nasse Hemden und einen Dichter, dessen Stimme fehlt.

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus – und auch wenn der Frühling derzeit pausiert, die Gefühle sind noch immer in der Luft. Und ich spreche jetzt nicht vom pollenbedingten Kribbeln in der Nase. Frühlingsgefühle! Hach! Es ist aber an der Zeit, an die Psychologen zu erinnern, die den Zustand des Verliebtseins als eine Einengung des Bewusstseins beschreiben, die zur fatalen Fehleinschätzung der Wirklichkeit führen kann. Fehler und Macken des Geliebten werden dann schlicht übersehen. Und schwupps – ist man verheiratet. Die Ehe, so heißt es ja, ist eine wunderbare Einrichtung. Aber wer will schon langfristig in einer Einrichtung leben?

Vorwärts leben, rückwärts verstehen

Aber eine Beziehung wird eben vorwärts gelebt und erst rückwärts verstanden. Hat Kenneth Branagh, britischer Shakespeare-Mime, mal gesagt. Shakespeare wiederum zählte zu den größten Dichtern, die je den Frühling besungen haben. So wie, meine Meinung, der im Dezember 2018 verstorbene F. W. Bernstein auch. Der hat mal gedichtet: „Horch, ein Schrank geht durch die Nacht/voll mit nassen Hemden/den hab ich mir ausgedacht/um euch zu befremden.“ Das hat jetzt nur bedingt mit der Ehe, dem Verliebtsein oder gar dem Frühling zu tun. Schön ist es dennoch. Und wer nun daran zweifelt, dass ausgerechnet der Autor dieser Zeilen ein sachkundiges Urteil über gelungene Gedichte zu fällen vermag, dem sei gesagt: Man muss nicht in der Bratpfanne gelegen haben, um über ein leckeres Filet zu schreiben. Und überdies ist der Autor dieser Zeilen schlicht noch immer verliebt. Auf jeden Fall in den Lyriker Bernstein, dessen Stimme fehlt. Nicht nur im Frühling.