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Ernst im Mantel des Humors Komikerin Nicole Jäger beeindruckt in der Divarena mit ernsten Botschaften

Von Niklas Golitschek | 19.10.2019, 16:25 Uhr

Für Späße auf Kosten anderer ist Nicole Jäger nicht zu haben. In der Divarena in Delmenhorst lieferte die Komikerin mit ihrem Programm "Nicht direkt perfekt" ein starkes Plädoyer für ein besseres Selbstbild der Frauen.

Ihre stärksten Momente hatte sie vor der Pause und dem Abschluss: Da wand sich Nicole Jäger am Freitagabend mit jeweils ernsten Botschaften an die mehr als 100 Zuschauer in der Divarena, wo sie mit ihrem Stand-Up-Comedy-Programm „Nicht direkt perfekt“ zu Gast war.

In diesen Momenten schimmerte dann eben doch Jägers früheres berufliches Engagement als Abnehm-Coach durch, das sie wohl nicht ganz ablegen kann – oder will. Da sprach sie ihrem überwiegend weiblichen Publikum Mut zu, mit den Partnern über ihre Körperlichkeit und Sexualität zu sprechen. Zu sich selbst zu stehen und sich zu akzeptieren.

Fünf Sekunden Humor

Sie wisse selbst, wie es ist, auf das Aussehen reduziert zu werden. Ständig an sich zu arbeiten, um dann aus Sicht von anderen doch nicht gut genug zu sein. Wenn Gruppen hinter vorgehaltener Hand ihre vermeintlichen Witzchen auf Kosten anderer reißen. Humor dauere fünf Sekunden, referierte Jäger – vom Witz, bis das Lachen wieder abgeklungen sei. Doch für die Betroffenen sei die Verletzung deutlich schwerwiegender. „Es ist leichter zu treffen, als getroffen zu werden“, merkte sie an.

Bis zu diesen Höhepunkten bot Jäger ihrem Publikum ein durchaus pointenreiches Programm, das nach „Ich darf das, ich bin selber dick“ ihre zweite Bühnenshow ist. Humorvoll beklagte sie das Älterwerden, wenn die Freunde bei einer Party statt Alkoholeskapaden plötzlich zum gesunden Buffet mit Kindern und Hund in das frisch eingerichtete Eigenheim mit dem ach so tollen Parkettfußboden laden. Mit spitzer Zunge entlarvte sie die Oberflächlichkeit des Online-Datings oder ließ sich ausgiebig über die unbedeutende Bedeutung von Frauenkleidergrößen an.

Gekonnter Drahtseilakt

Durch diese Themenfelder balancierte Jäger gekonnt auf dem Drahtseil: Sie schaffte es, Verhaltensweisen anzuprangern und Gesellschaftskritik zu üben, ohne dabei persönlich angreifend oder diskriminierend zu sein. Abgesehen von einem kleinen Seitenhieb gegen Veganer. Ganz nach dem Credo, das sie später selbst ausgab: Niemanden wegen seines Erscheinungsbildes der Lächerlichkeit preiszugeben. Dabei spielte sie durchaus auch auf ihre eigenen Erfahrungen mit ihrem Übergewicht an und schilderte Situationskomiken. Doch die Stärke lag darin, sich dabei nicht selbst zu entblößen. Nach dem Motto: Lacht mit mir, nicht über mich.

Der zweite Teil war dann nichts für prüde Gemüter: Ob ungefragt erhaltene Penisbilder, peinliche Dates, der Sex-Shop-Besuch oder geplante Urinale für Frauen in Berlin – dieses Programm war in all seinen Facetten ganz der weiblichen Körperlichkeit und Sexualität verschrieben. Mit dem Zweck, für ein besseres Selbstbild der Frau, ganz unabhängig vom Aussehen, einzutreten und von der Sehnsucht nach permanenter Selbstoptimierung loszulassen.

Eben diese ernsten Botschaften, eingehüllt im Mantel des Humors, quittierte das Publikum nach den Lachern und dem zwischendurch betretenen Schweigen mit Jubelrufen und Applaus. Solch tiefgründige Unterhaltung darf es gerne öfter geben.