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Kommentar zum Högel-Prozess Tödliches Versagen in Oldenburg und Delmenhorst

Meinung – Michael Korn | 26.10.2018, 20:29 Uhr

Der Massenmord-Prozess gegen Ex-Pfleger Niels Högel wird nicht nur die trauernden Opfer-Angehörigen beschäftigen, sondern ganz Deutschland. Was ist aufzuarbeiten, welche Konsequenzen sind aus den Gräueltaten zu ziehen? Ein Kommentar von dk-Redaktionsleiter Michael Korn.

Der Mammutprozess um die größte Mordserie im Nachkriegsdeutschland rückt zum einen den Täter als perfiden, menschenverachtenden Massenmörder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Zum anderen aber wird auch Fall für Fall die Frage im Raum stehen: Wie konnte das geschehen an einem Ort, der kranke Menschen in seine Obhut nimmt, ihnen das sichere Gefühl des Nichtalleinseins, der Fürsorge und Zuwendung vermittelt? Natürlich, Niels Högel ist in erster Linie verantwortlich für die schier unfassbaren Gräueltaten. Sie konnten aber nur geschehen in einem Klima des Wegschauens und Nicht-wahr-haben-Wollens.

Aufklärung über Verantwortlichkeiten

Den Angehörigen der Opfer wird es in erster Linie darum gehen, Antworten zu bekommen, warum der Krankenhausbetrieb ihren Großmüttern, Onkels oder Geschwistern keinen Schutz gewährt hat, Ärzte, Pfleger und Schwestern den Kollegen Högel haben sein Unwesen treiben lassen. Auch die Öffentlichkeit muss an dieser Aufklärung des tödlichen Versagens ein größeres Interesse als an der Aufarbeitung der einzelnen Tatabläufe. Ein Fall Högel darf sich niemals wiederholen – dafür müssen Gesetzgeber, Klinikbetreiber, Kassen und jeder einzelne Mitarbeiter Verantwortung tragen. Delmenhorst und Oldenburg stehen als Tatorte bei weiten nicht allein da – auch an anderen Krankenhäusern konnten Mörder unbehelligt im Schutze des Systems Patienten töten. Kontrollen, Überwachung und Meldesysteme sind die einzigen wirksamen Mittel.