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Konzert in Delmenhorst Rock-Chansonnier überzeugt mit ironisch-lockerem Auftritt

Von Jasmin Johannsen | 06.10.2018, 20:45 Uhr

Delmenhorst Wie es klingt, wenn ein Atomkraftwerk explodiert, kann wohl niemand bezeugen. Rock-Chansonnier Karl Neukauf stellt es sich wie eine Polka vor – was auch an russischen Hackerangriffen liegt. Am Freitag war er in Delmenhorst zu Gast.

„Wir sind schon neun Tage auf Tour: Neun Tage an denen wir für Delmenhorst geübt haben, damit wir euch heute etwas richtig Schönes bieten können.“ Wenn man Karl Neukauf etwas lassen muss, dann ist es seine Art, sein Publikum zu umgarnen. Am Freitagabend war der Rock-Chansonnier anlässlich der „Live & Unplugged“-Reihe, mit der das Musikhaus Spula zehn Jahre Live-Konzerte feiert, in die Stadt gereist. Der Berliner spielte zusammen mit Ingo Kurkowski (Cajon und Gitarre) Lieder aus seinen drei bisher erschienen Alben, gab aber auch erste Kostproben seines neuen Werks „Hinter Geranien und Gardinen“, das im kommenden Monat erscheint.

Moderation locker drauf los

Mit Pop, Rock und musikalischen Einflüssen aus aller Welt wurde den rund 25 Zuhörern und Zuhörerinnen klangliche Vielfalt geboten. Dazu servierte Neukauf Liedertexte, die nicht nur malerisch anmuteten, sondern zuweilen auch zum Nachdenken anregten. So auch der Song „Seite 404“ aus dem 2012 erschienen Album „Blaue Erbsen“, der unter anderem von Hackerangriffen handelt, während zeitweise klanglich eine Atomkraftwerkexplosion „imitiert“ wird. Was in der Theorie komplex klingt, ist in der Praxis eine schnelle aber tanzbare Polka, mit der kunstvoll Gesellschaftskritik geübt wird. „Das ist jetzt vielleicht auch etwas kühn, ein Lied über Hackerangriffe mit einer russisch angehauchten Polka zu beenden“, merkte Neukauf verschmitzt an und hatte den ersten Lacher des Abends auf seiner Seite. Überhaupt moderierte der Liedermacher locker drauf los, strotzte vor Ironie und konnte auch über die trübseligste Ballade noch eine heitere Anekdote erzählen. So erinnerte sich Neukauf, dass er eines seiner ersten Liebeslieder „0422“ auch mit Delmenhorst im Sinn schrieb: „Das Mädchen, in das ich verliebt war, stammte hier aus der Stadt.“ Leider gab es von dem Erstlingswerk keine Kostprobe.

„Sarg niemals nie“

Stattdessen verblüffte Neukauf sein Publikum mit einer revolutionären Idee: Er habe sich darüber Gedanken gemacht, warum es bei Ikea fast alles zu kaufen gäbe bis auf Selbstbausärge. „Die könnte man sich doch mit 20 Jahren anschaffen und bis sie ihren eigentlichen Zweck erfüllen müssen, anderweitig nutzen.“ Zum großen Vergnügen des Publikums folgten die Vorschläge (um nur drei zu nennen: Plattenregal, Sitzbank oder Ritterburg) dafür dann auch sogleich in dem Song „Sarg niemals nie“.

Inspirationen für Texte findet Neukauf fast überall

Inspiration für seine poetischen Texte findet der Berliner fast überall, gestand er. „Komm‘, wir gehen an die Elbe“ ist so ein Titel, zu dem ihn seine vierjährige Tochter animiert hat. „Sie wollte an einem Herbstmorgen im vergangenen Jahr eben dort hingehen und warten, bis der Sommer wiederkommt“, erklärte Neukauf und lachte: „Wahrscheinlich sollte ich sie jetzt als Co-Autorin bei der Gema eintragen lassen.“

Chansonartige Melodien mit countryesquen Einschlägen

Obwohl dem aufmerksamen Zuhörer wahrscheinlich am meisten die skurrilen, bewegenden und nachdenklichen Strophen in der Erinnerung haften bleiben werden, konnte auch die klangliche Untermalung überzeugen. Chansonartige Melodien wurden mit countryesquen Einschlägen angereichert und Neukauf zeigte am Klavier seine musikalische Bandbreite. Aus den Publikumsreihen waren neben Applaus dann auch „Wahnsinn“- und „Bravo“-Rufe zu hören.