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Kreishandwerksmeisterin im Interview Delmenhorst: „Jetzt wird in Betongold investiert“

Von Frederik Grabbe | 31.12.2016, 12:36 Uhr

Im Handwerk läuft es so gut wie lange nicht mehr. Trotzdem plagt die Branche noch immer der Fachkräftemangel. Wie Kreishandwerksmeisterin Britta Jochims die Lage einschätzt und wie man Jugendliche ans Handwerk binden will, verrät sie im Gespräch mit unserer Redaktion.

 Frau Jochims, das Handwerk hat sich zuletzt für dieses Jahr außerordentlich zufrieden gezeigt. Die Umsätze scheinen ja nur zu sprudeln. Wie erklären sie sich die gute Lage?

Britta Jochims: Die Bürger haben lange nicht in ihre Häuser investiert, die eigene Immobilie wurde eher stiefmütterlich behandelt. Durch die allgemeine konjunkturelle Lage hat sich gewissermaßen ein Knoten gelöst. Jetzt wird in Betongold investiert.

 Kann man eine Branche nennen, die davon besonders profitiert?

Nein. Diese Entwicklung wirkt sich auf sämtliche handwerkliche Betriebe aus.

 Wie reagieren die Firmen selbst darauf – abgesehen davon, dass aktuell viele Aufträge abzuarbeiten sind?

Man investiert selbst wieder mehr in den eigenen Betrieb und hält sich technisch auf dem Laufenden. Jetzt haben gerade meistergeführte Betriebe die Möglichkeit, Mut zum Neuen zu beweisen und sich von der großen Masse abzusetzen. Das betrifft auch die Investition in gutes und fähiges Personal. Man darf sich nicht auf dem Erreichten ausruhen.

 Wenn man übers Handwerk spricht, i st man schnell beim Fachkräftemangel . Kürzlich hat das Handwerk gerade die Idee vom Berufsabitur ins Spiel gebracht . Was verbirgt sich dahinter?

Hat jemand einen Gesellenbrief erworben, soll er zusätzlich auch berechtigt sein, eine Hochschule besuchen zu dürfen. So wollen wir jungen Leuten eine Perspektive bieten, die sich später an der Universität sehen oder erst eine Ausbildung machen wollen, ohne die Hochschulreife gesondert nachlegen zu müssen.

 Aber wandern dann die fertigen Gesellen dann nicht eher an die Unis ab?

Nein. Wir wollen durch die Ausbildung Lust aufs Handwerk machen. Wenn die jungen Menschen dort erst einmal angekommen sind, sehen sie, dass man mit einer praktischen Tätigkeit Spaß haben kann, wie wertvoll es ist, abends zu sehen, was man geschafft hat – und dass das Portemonnaie gut gefüllt ist.

 Also ist die Hochschulzugangsberechtigung ein Köder, um im Handwerk zu bleiben?

Auf jeden Fall. Und trotzdem bietet das Handwerk gute Perspektiven. Ob es der Verdienst ist, der Meisterbrief, der nachgelegt werden kann, oder eben ein anschließendes Studium.

 Im vergangenen Jahr haben Sie sich auch politisch ungewohnt scharf geäußert, etwa zur geplanten Blauen Plakette oder zur E-Auto-Prämie .

Würde die Plakette so durchgesetzt, würde sie die gesamte Organisation des Handwerks massiv beeinträchtigen. Wir mussten uns hier einfach frühzeitig äußern. Wir stehen mit vielen Institutionen im Dialog. Aber wir werden auch künftig um Gehör bitten und unsere Standpunkte teilen, wenn wir es für angebracht halten.