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Kriegsende vor 70 Jahren Flammendes Inferno inmitten des Dorfes

Von Dirk Hamm | 24.04.2015, 18:20 Uhr

Den Vormarsch der Alliierten vor 70 Jahren erlebten die Menschen in Delmenhorst und Ganderkesee unterschiedlich: Die Stadt wurde geräumt, das Dorf mit fatalen Folgen verteidigt.

Für die Menschen in unserer Region kam das Ende des Zweiten Weltkriegs in diesen Tagen vor 70 Jahren mit dem Vormarsch der alliierten Truppen buchstäblich in Sichtweite. 1995 dokumentierte Zeitzeugenberichte sprechen davon, dass es ab dem 15. April im Süden Delmenhorsts zu Gefechten mit den von Groß Mackenstedt her anrückenden britischen Soldaten kam. Diese besetzten in den folgenden Tagen das Gebiet südwestlich der Pultern und kämpften sich von dort weiter vor. Von Adelheide und aus dem Raum Groß Mackenstedt wurde die Stadt unter Artilleriebeschuss genommen.

Doch ein unsinniger Abwehrkampf bis zum Äußersten sollte den Delmenhorstern erspart bleiben. In der Nacht vom 19. auf den 20. April ziehen sich die deutschen Kampfverbände zurück und räumen den größten Teil des Stadtgebiets. Am Vormittag des 20. April stoßen schottische Eliteeinheiten der 51. Highland-Division über die Adelheider Straße und Cramerstraße sowie Wildeshauser und Oldenburger Straße in Richtung Stadtzentrum vor. Gegen 10.30 Uhr erscheinen die ersten Panzer auf dem Rathausplatz. Wenig später übergibt der kurz zuvor ins Bürgermeisteramt eingesetzte Stadtbaurat Karl Kühn den alliierten Truppen die Stadt. Daraufhin werden weitere Teile Delmenhorsts besetzt und Wohnraum ffür die Unterbringung der Besatzungssoldaten beschlagnahmt. Lediglich nördlich der Dwostraße, entlang der neuen „Hauptkampflinie“ der Wehrmacht, kommt es bis zum 30. April immer wieder zu Kämpfen.

Deutlich dramatischer entfalteten sich die letzten Kriegsereignisse in Ganderkesee. Hier vereitelte die Wehrmacht den Versuch, den Ort kampflos zu übergeben. Zwei Tage lang wurde am 20. und 21. April verbissen gekämpft. Die Eroberung Ganderkesees ging mit schweren Zerstörungen in der Ortsmitte einher. Die Alliierten setzten Flammenwerfer ein, 52 Gebäude, darunter die alte Dorfschule und die Kirche, wurden zu Brandruinen. Vier deutsche Soldaten fielen, acht Zivilisten wurden durch Granatenbeschuss getötet. Noch am 19. April wurden zwei Soldaten wegen Fahnenflucht erschossen.

Auch der Kirchturm stand lichterloh in Flammen

In der von Hermann Speckmann und Werner Lüdeke aktuell im Eigenverlag herausgebrachten Schrift „Zur Erinnerung“ über den Kampf um Ganderkesee schildert Zeitzeugin Waltraud Härtel, wie sie den 21. April 1945 erlebt hat. Dumpfer Kanonendonner kündigte das Kommende an: „Die Front kam näher, man hörte es den ganzen Tag grummeln.“ Dann berichtet die damals 15-Jährige, die sich im Elternhaus am Habbrügger Weg aufhielt, was sich am Nachmittag zutrug: „Wir rannten nach draußen. Da! Eine dicke, weiß-grau-schwarze Rauchwolke lag über dem Dorf. Da kam vom Bahnhof her ein Flammenwerfer mit dem langen Rohr angefahren. Er schoss Lehmkuhls Haus in Brand.“

Voller Angst beobachteten Mutter und Tochter durch das Fenster den Flammenwerfer, der sich langsam auf dem Habbrügger Weg bis zum heutigen Nordweg vorarbeitete. „Da drehte er und fuhr langsam zurück ins Dorf.“ Auch der Kirchturm brannte lichterloh – „eine große lila Fackel!“ – und stürzte schließlich ein.

Von deutschen Soldaten, die in Waltraud Härtels Erinnerung am Nachmittag des 21. April noch auf dem Sportplatz lagen, wurden Granaten abgeschossen, die ebenfalls Zerstörungen anrichteten: „In der Nacht fiel eine Granate auf unser Stalldach und schlug durch bis in den Ziegenstall. Ein Splitter traf unsere arme Ziege.“