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„Landshut“-Entführung vor 40 Jahren Deutscher Herbst: Auch Delmenhorster saßen im Glutofen

Von Dirk Hamm | 14.10.2017, 13:59 Uhr

Der RAF-Terror hielt die Republik im Herbst 1977 in Atem. In der entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“ befanden sich auch zwei Delmenhorster.

40 Jahre sind inzwischen vergangen, doch die Bilder und Nachrichten der vom RAF-Terror geprägten September- und Oktobertage des Jahres 1977 sind für Millionen Menschen in Deutschland noch sehr präsent: Der entführte Hanns Martin Schleyer unter dem RAF-Logo kauernd, die ebenfalls entführte Lufthansa-Maschine „Landshut“ auf ihrem Irrflug bis nach Mogadischu, die Erleichterung in den Gesichtern der befreiten Geiseln nach dem Einsatz der Grenzschutz-Spezialeinheit GSG 9, schließlich die Meldungen von der Ermordung Schleyers und dem Selbstmord mehrerer in Stammheim inhaftierter RAF-Mitglieder.

Nach bangen Tagen Grund zur Freude

Wochenlang hielten die Ereignisse, die später unter dem Begriff Deutscher Herbst zusammengefasst wurden, die deutsche Öffentlichkeit in Atem. Nach Tagen des Bangens gab es am Mittwoch, 19. Oktober 1977, endlich Grund zur Freude: „Geiseldrama nahm doch noch ein glückliches Ende“, lautete die Schlagzeile im dk.

Unter den befreiten Geiseln, die am Vortag aus der somalischen Hauptstadt Mogadischu nach Frankfurt geflogen worden waren, befanden sich auch die Delmenhorster Helmut und Anita Lange. 108 Stunden der Angst musste das Ehepaar zuvor unter zunehmend unerträglichen Bedingungen erdulden.

91 Geiseln in der entführten Maschine

Der 2001 verstorbene erfolgreiche Möbel-Unternehmer und seine junge Frau waren am 13. Oktober nach einem Urlaub auf Mallorca gemeinsam mit 84 weiteren Passagieren und fünf Besatzungsmitgliedern in der Boeing 737 „Landshut“ der Lufthansa Richtung Frankfurt gestartet. Nicht lange nach dem Start nahm das Drama seinen Lauf.

Vier palästinensische Entführer, die zwei Pistolen, vier Handgranaten und 500 Gramm Plastiksprengstoff an Bord geschmuggelt hatten, rissen die Kontrolle über den Flug an sich. Es folgte eine beinahe fünftägige Odyssee mit Zwischenlandungen in Rom, Larnaka, Bahrain, Dubai und Aden. In Mogadischu erreichte die Nervenprobe zwischen Entführern und Bundesregierung ihren Höhepunkt. Die Hauptforderung der Terroristen: Freilassung von elf in Deutschland inhaftierten RAF-Terroristen.

Nerven aufs Äußerste strapaziert

In Delmenhorst ist die Leitung der Firma Helmut Lange am Tag der Entführung telefonisch von Mallorca aus über die missliche Lage ihres Chefs benachrichtigt worden. Am darauffolgenden Morgen erfolgte die offizielle Bestätigung durch die Lufthansa.

In der prallen Sonne stieg die Temperatur im Flugzeug auf mehr als 50 Grad Celsius an, verstopfte Toiletten erzeugten beißende Gerüche. Mit Scheinerschießungen, wiederholten Demütigungen und der Ermordung des Piloten Jürgen Schumann strapazierte der Kopf der der Entführer, „Captain Mahmud“, das Nervenkostüm der Eingeschlossenen auf Äußerste.

GSG 9 glückt die Befreiung

Schließlich wurden sie mit Alkohol übergossen, die Sprengung vorbereitet – nur durch eine gezielte Fehlinformation konnte Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski im letzten Augenblick die Ausführung dieser schrecklichen Tat verhindern.

Am 18. Oktober glückte kurz nach Mitternacht dann die Erstürmung des Flugzeugs durch die GSG 9. Drei Entführer starben, aber zur großen Erleichterung in der Heimat kam keine der Geiseln ums Leben.