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Lange Warteschlangen und Rabatte Delmenhorster Lagerverkauf gerät ins Visier der Behörden

Von Thomas Breuer | 17.11.2017, 16:58 Uhr

Ein Lagerverkauf von Markentextilien in einem Möbelgeschäft elektrisiert Hunderte in Delmenhorst – und die Behörden. Genau wie beim Postenverkauf im Jute-Center haben sie ein besonderes Auge auf die zeitlich beschränkten Verkaufsangebote.

Umkleiden werden überbewertet. Eine Erkenntnis aus der zweiten Hälfte dieser Woche. Am Reinersweg, wo die Firma Schönberger schon seit vielen Jahren Möbel-Sonderposten anpreist, ziehen sich Frauen mitten im Laden ihre Oberbekleidung über den Kopf, um in Sweatshirts und -jacken der Trendmarke Naketano zu schlüpfen. Die wenigen provisorischen Umkleiden stehen schlicht nicht im Einklang mit dem außergewöhnlichen Andrang.

Mehr als 300 Menschen in gespannter Erwartung

Zum mittäglichen Verkaufsstart am Freitag standen etwa 100 Wartende vor dem Hintereingang, etwa 90 Prozent davon Frauen. Am Donnerstag, dem ersten Verkaufstag, hatten sich gar mehr als 300 Menschen in eine bis zur Straße reichende Schlange eingereiht. Junge Männer mit gelben Westen regelten jeweils die Zufahrt auf das Firmengelände.

Mode zwischen Möbeln, es ist das erste Mal im Geschäft von Cornelia und Patrick Schönberger. Ein Lagerverkauf, organisiert von der Firma Spazio aus Hilden, die von Region zu Region, von Stadt zu Stadt zieht. Seit etlichen Jahren schon.

Postenhandel musste schon umziehen

In Delmenhorst waren die als Schnäppchen deklarierten Textilprodukte von Spazio erstmals Mitte Juli im Postenhandel Nord am Hamburger Weg angeboten worden. Das damalige Verkehrschaos beim Postenverkauf brachte Anwohner auf die Palme und die Ordnungsbehörden ins Nachdenken. Wenig später verfügte die Stadt die Schließung des Marktes, unter anderem mit dem Verweis auf „massive Brandschutzmängel“.

Eine neue Heimat für seinen regelmäßigen dreitätigen Lagerverkauf hat der Postenhandel inzwischen in der Passage des Jute-Centers gefunden und erfreut sich dort ebenfalls seit Donnerstag eines guten Zulaufs. Rechtlich ist das Ganze laut Stadtverwaltung dort unproblematisch. „Es liegt eine Gewerbeanmeldung für ein Einzelhandelsunternehmen vor, innenstadtrelevante Ware gibt es hierbei nicht“, heißt es aus dem Fachdienst Gewerbeservice.

Ohne Bauantrag keine Genehmigung

Zunächst allerdings hatte der Inhaber einen Bauantrag zu stellen, denn Lager- und Sonderpostenverkäufe unterliegen der Baugenehmigungspflicht. Seitens der Stadt heißt es dazu: „Eine Baugenehmigung wurde erteilt. Die Einhaltung der Rahmenbedingungen wird regelmäßig kontrolliert.“

Meinungsverschiedenheiten zeichnen sich aber ab. Der Postenhandel hat sich in den vergangenen Jahren auch als Anbieter von Feuerwerkskörpern einen Namen gemacht. Ob aber auf der Fläche des früheren Rewe-Marktes auch Feuerwerk gelagert und verkauft werden darf, prüft die Verwaltung gerade. Der Außendienst der zuständigen Behörde sei deshalb schon vor Ort gewesen, um unter anderem die Lagerung dieser Artikel zu kontrollieren.

Am Reinersweg droht ein amtliches Nachspiel

Ungeachtet aller Euphorie der Kundschaft wird auch der Textil-Lagerverkauf am Reinersweg noch ein amtliches Nachspiel haben. „Ein Bauantrag für einen Lagerverkauf von Textilien liegt nicht vor“, hieß es am Freitagnachmittag aus der Stadtverwaltung. Und weiter: „Der Möbelmarkt wurde seinerzeit ausdrücklich ohne Randsortiment beantragt und genehmigt.“ Mit dem Fall werde sich nun der Fachdienst Bauordnung beschäftigen. „Ob eine Genehmigungsfähigkeit gegeben ist, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht beurteilt werden“, so die Stadt.

Dass ein Lagerverkauf grundsätzlich eines behördlichen Vorlaufs bedarf, verdeutlichen die entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen. Demnach muss ein sogenanntes Wanderlager, also der Verkauf eines Unternehmens außerhalb der eigenen Betriebsstätte, zwei Wochen vor dem Termin bei der Behörde angezeigt werden. Dabei ist auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) zu beteiligen. Unter anderem aus dem Grund, dass der örtliche Handel beeinträchtigt sein könnte.

Selbst die Handelskammer ist mit im Boot

„Diese Frist wurde nicht eingehalten, zudem waren die Unterlagen unvollständig“, heißt es aus dem Rathaus. Nach Vorlage aller Unterlagen habe die IHK zugestimmt. Eine gesetzliche Beschränkung bezüglich der Häufigkeit von „Wanderlagern“ gibt es nicht.

Bei Möbel Schönberger freuen sie sich über den den guten Zulauf auch aus dem Umland, mit dem auch der Bekanntheitsgrad des Möbelgeschäfts steige.

Die zum Teil aus der ganzen Region angereisten Kundinnen und Kunden, die die Textilien tütenweise durch die Hintertür zu ihren Autos schleppen, bekommen von dem Rummel hinter den Kulissen nichts mit. Das Versprechen von bis zu 70-prozentigen Rabatten hat ordentlich Scheine in die Kasse der Firma Spazio gespült, die die Artikel nach den Worten eines Verantwortlichen regulär bei Naketano und anderen Modelabeln eingekauft hat.

„Leben und leben lassen“

Einen Schaden für den ortsansässigen Einzelhandel kann er nicht erkennen: „Zu unserem Lagerverkauf kommen vor allem die Leute, die sonst für diese Ware kein Geld ausgeben würden. Leben und und leben lassen, das funktioniert.“