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Lebensbilder: Max Ungethüm Nach Flucht in den Westen als Händler duchgestartet

Von Dirk Hamm | 13.05.2017, 11:01 Uhr

Der Name Max Ungethüm hatte einst einen besonderen Klang in der Delmenhorster Geschäftswelt. Sein Unternehmen zählte zu den größten Im- und Exportfirmen Deutschlands im Bereich des Handels mit Fellen und Häuten.

Bis nach Südamerika und in die UdSSR reichten die Geschäftsbeziehungen Ungethüms. Mit der BSE-Krise stürzte die Branche Mitte der 90er Jahre abrupt ab. „Dass die Tiere verbrannt wurden, ohne ihnen die Häute abzuziehen, hat uns das Geschäft kaputt gemacht“, sagt die Tochter des Firmengründers, Regina Ungethüm-Meißner.

1996 musste Konkurs angemeldet werden. Max Ungethüm war da bereits verstorben. „Zum Glück hat er den Konkurs seiner eigenen Firma nicht mehr miterleben müssen“, sagt seine Witwe, Waltraud Ungethüm.

Als mittlerer von fünf Brüdern geboren

In diesen Tagen wäre Max Ungethüm 100 Jahre alt geworden: Er wurde am 14. Mai 1917 als mittlerer von fünf Brüdern in Auerbach im sächsischen Vogtland geboren. Aufgewachsen ist er in kleinbürgerlichen Verhältnissen, sein Vater führte einen Friseursalon. Diesen übernahm später der älteste Sohn Karl, der heute 103-jährig in Friedrichshafen lebt.

Nach Abschluss der Volksschule wurde Max Ungethüm 1931 von der Reichspost im Postamt Auerbach eingestellt und besuchte die kaufmännische Abteilung der Gewerbeschule. Mit der Versetzung nach Chemnitz 1934 erfolgte die Übernahme ins Beamtenverhältnis.

Politische Probleme mit der Besatzungsmacht

1938 wurde der junge Postassistent zum Heeresdienst einberufen. Während des Krieges wurde er in Polen, Frankreich und Russland eingesetzt, mehrfach durchlitt er Verletzungen und Verschüttungen.

Aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen, begab sich Ungethüm wieder nach Auerbach, wo es aber bald ungemütlich für ihn wurde: Als Mitglied der Ost-CDU, die anfangs noch um Eigenständigkeit bemüht war, sah er sich im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands Schikanen ausgesetzt, wurde gar in Haft genommen und tagelang verhört. Im März 1947 entzog er sich weiteren Repressalien durch die Flucht in den Westen.

Durch Zufall in Delmenhorst heimisch geworden

Dass Delmenhorst sein neues Zuhause wurde, sei einem Zufall geschuldet, weiß Regina Ungethüm-Meißner: „Er wollte eigentlich nach Bremerhaven fahren. Als er aus dem Zug heraus das Schild ‚Delmenhorst’ sah, erinnerte er sich an einen Unteroffizier aus Delmenhorst, stieg aus und suchte ihn.“ An der Delme fand er auch sein privates Glück, hier lernte er seine spätere Ehefrau kennen. Das Paar heiratete 1950 und bekam mit Dagmar eine weitere Tochter.

1950 Umzug der Firma an Nordenhamer Straße

Noch in Auerbach war Ungethüm Geschäftsführer der Lederfabrik Joh. Schilbach geworden. Sein Ziel war es nun, im Westen eine Zweigfabrik zu eröffnen. Daraus wurde nichts, stattdessen machte sich der tatkräftige Neu-Delmenhorster selbstständig.

Die im Oktober 1948 gegründete Firma „Oldenburgische Häute-Zentrale, Inh. Max Ungethüm“ entwickelte sich prächtig. Anfangs fanden Anlieferung, Lagerung und Verladen der Rohhäute und Felle in ehemaligen Wehrmachtsbaracken des Försterhofs statt, 1950 konnten dann eigene Lager- und Büroräume an der Nordenhamer Straße bezogen werden.

Diverse Filialen und Beteiligungen in Westdeutschland, Österreich, Italien und nach der Wende auch in den neuen Bundesländern kamen hinzu. „Er war Kaufmann durch und durch“, sagt Waltraud Ungethüm.

Zum Ausgleich am Wochenende auf den Tennisplatz

Zum Ausgleich für lange Arbeitsstunden spielte er am Wochenende Tennis, und mit einigem Erfolg nahm er an Turnieren teil. Auch in anderen Sportarten bewies er Talent. So hatte er als Jugendlicher die Ehre, den Weihesprung auf der neuen Skisprungschanze in Oberwiesenthal zu vollführen.

1963 zählte Ungethüm zu den Gründern des Rotary Clubs Delmenhorst. Ehrenamtlich engagierte er sich auch in den Branchenverbänden auf nationaler und europäischer Ebene. 1988 erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

Die letzten beiden Jahre seines Lebens waren nach einer missglückten Operation von schweren gesundheitlichen Problemen überschattet. Am 12. August 1994 starb Max Ungethüm in Bremen.