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Heilpädagogische Frühförderung Lebenshilfe in Delmenhorst kritisiert "Gute-Kita-Gesetz"

Von Niklas Golitschek | 27.05.2019, 16:54 Uhr

Der Bedarf an heilpädagogischer Frühförderung nimmt zu. Das liege vor allem an immer schwiegeren Bedingungen, in denen die Kinder aufwachsen, heißt es bei der Lebenshilfe. Das "Gute-Kita-Gesetz" ziele dabei in die falsche Richtung.

Die heilpädagogische Frühförderung steht im permanenten Wandel. „Inhaltlich hat sie sich in den vergangenen 40 Jahren stark verändert“, sagt Erwin Drefs, Geschäftsführer der Lebenshilfe Delmenhorst und Landkreis Oldenburg, die eine solche Förderung anbietet. Während man damals noch gedacht habe, einem Kind mit Einschränkungen oder einer (drohenden) Behinderung nicht viel helfen zu können, gebe es heutzutage viele Verfahren und heilpädagogische Methoden: „Damals hatte man noch wenig Kenntnisse, heute gibt es mehr wissenschaftliche Forschung dazu.“

Für den praktischen Teil ist Ann-Christin Senger zuständig, sie arbeitet als Leiterin der heilpädagogischen Frühförderung bei der hiesigen Lebenshilfe; erst im März dieses Jahres war sie beim Symposium Frühförderung in Leipzig, der Vereinigung für interdisziplinäre Frühförderung, um sich auf dem aktuellen Stand zu halten. „Wir gucken in den Ressourcen des Kindes und der Familie, um zu sehen, wie wir fördern können“, erläutert sie den modernen Ansatz. Mittels Videoaufzeichnungen ließen sich den Eltern etwa die Fähigkeiten des Kindes präsentieren. „Wir wollen den Blickwinkel verändern, dass die Eltern an das Kind glauben. Oft haben sie negative Eindrücke beispielsweise aus dem Kindergarten“, führt Senger aus. So eine Methode habe es vor zehn Jahren noch gar nicht gegeben, merkt Geschäftsführer Drefs an. Deshalb sei es so wichtig, die Qualifikationen der Fachkräfte fortlaufend zu ergänzen.

Denn auch die Diagnostik ändere sich fortlaufend. „Vor 40 Jahren waren es klassische, offensichtliche Muster wie Spastik oder Down-Syndrom“, sagt Drefs. Heute seien es zunehmend Kinder, die ihr Verhalten nicht regulieren könnten. „Wir können nicht einordnen, wo das herkommt, sehen die Veränderung aber in den Ausprägungen.“

Derzeit begleitet die Lebenshilfe Delmenhorst mit einem zehnköpfigen Team 72 Kinder und Familien mit 86 Einheiten pro Woche. Eine Einheit dauert anderthalb Stunden, 14 Familien erhalten also zwei pro Woche. Die Förderung finde in den Räumen der Lebenshilfe, dem Zuhause der Kinder oder auch in Einrichtungen wie den Kindergärten statt. „Wir gucken, was ansteht und was notwendig ist“, sagt Senger.

Bedingungen werden schwieriger

In eben den Kindertagesstätten und Kindergärten sieht die Lebenshilfe einen zunehmenden Problemherd, fährt sie fort: „Die Bedingungen sind schwieriger, die Gruppen zu groß.“ Hinzu komme zu wenig Personal, merkt Drefs an. In der Folge kämen immer mehr Kinder in dem Umfeld nicht mehr zurecht, sie seien überfordert; auch in Delmenhorst gebe es einen zunehmenden Bedarf an Frühförderung. Einen weiteren Faktor sehe er in der Digitalisierung, zu viel und unkontrollierter Medienkonsum bringe negative Folgen mit sich. Das mache sich dann am Verhalten der Kinder bemerkbar, das Senger und ihre Kolleginnen beobachten: Sie achten etwa auf die Spielkontakte, die Bindung an Erwachsene, Sprachauffälligkeit, Sprunghaftigkeit oder das Konzentrationsvermögen. „Kinder wachsen ohne Grenzen auf, das überfordert sie“, sieht Senger einen Grund in der zunehmenden Verhaltensauffälligkeit. Gerade in den Kindergärten brauche es daher wieder mehr Strukturen und Rituale.

Kleinere Gruppen gefordert

Da habe sich das Delmenhorster Konzept mit halber Gruppengröße von bis zu 15 Kindern bewährt mit mehr Fachkräften und erweiterter Verfügungszeit. „Da sind die störenden Verhaltensweisen weniger“, sagt Drefs, die Kinder fänden hier besser zurecht. Aus seiner Sicht ziele das sogenannte „Gute-Kita-Gesetz“ auch in die völlig falsche Richtung. „Wir brauchen viel kleinere Gruppen“, betont er. Es gehe darum, den Kindern so früh wie möglich so viel wie möglich zu helfen. In Delmenhorst wisse man um die Folgekosten, wenn das nicht geschehe. Die Beitragsfreiheit etwa helfe nicht den Kindern, die dafür anfallenden Steuermittel wären an anderer Stelle besser verwendet.

Auf weitere Veränderungen muss sich die Lebenshilfe ab dem kommenden Jahr durch das Bundesteilhabegesetzt einstellen. Mit der „Komplexleistung Frühförderung“ sollen dann die ärztliche und nicht-ärztliche von einer Hand aus erbracht werden – den interdisziplinären Frühförderstellen. „Da ist ein enormer Zeitdruck dahinter, aber wir haben gute Gespräche mit der Stadt“, versichert Drefs. Bislang habe sich das Konzept mangels Geldmitteln nicht durchgesetzt.

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Zur Sache

Die heilpädagogische Frühförderung ist eine Leistung nach dem Sozialgesetzbuch. Kinder mit Beeinträchtigungen sollen dadurch die Integration in die Gesellschaft und Teilhabe ermöglicht werden. Eine Frühförderung muss beim Allgemeinen Sozialen Dienst beantragt und genehmigt werden. Im Falle einer Genehmigung findet die Förderung in der Regel sechs Monate oder ein Jahr lang statt, zwei Monate vor Ablauf wird entweder eine Verlängerung oder der Abschluss beantragt.