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Lebenshilfe will Erzieher schulen Immer mehr Kinder mit sozialen Defiziten in Delmenhorst

Von Frederik Grabbe | 19.06.2018, 09:00 Uhr

Immer mehr Kinder in Delmenhorst zeigen soziale oder emotionale Auffälligkeiten. Darum will die Lebenshilfe Erziehungskräfte vermehrt schulen, auf diese Kinder einzugehen. Somit könnte später auch ein Abrutschen in die Kriminalität verhindert werden.

Oftmals stimmt es im Alltag einer Kita einfach nicht mehr. Ein plastisches Beispiel: Drei Kinder sitzen zusammen in einer Ecke und spielen. Ein Viertes setzt sich dazu und nimmt einem Kind ein Spielzeug weg. Es kommt zum Streit. Doch anstatt, dass ein Kind sich der Situation entzieht oder das Vierte das Spielzeug zurückgibt, gibt es am Ende eine Prügelei. „Immer mehr Kinder sind in der Kita mit dem sozialen Umfeld überfordert“, sagt Erwin Drefs, Geschäftsführer der hiesigen Lebenshilfe. Das betreffe etwa den Aufbau von Freundschaften zu anderen Kindern, welche Spielmöglichkeiten Spielzeuge eigentlich bieten oder wie sie mit Frust oder Wut umgehen.

Aggression ist zu häufig die Lösung

„Diese Kinder kennen nur wenige Handlungsstrategien, die ihnen dabei helfen, mit der jeweiligen Situation umzugehen. Und oft suchen sie die Lösung in der Aggression“, beschreibt Prof. Dr. Marie-Christine Vierbuchen von der Universität Vechta, die die Lebenshilfe bei ihrer Langzeitfortbildung wissenschaftlich begleitet. Soziales Verhalten anderer Kinder erkennen, interpretieren und angemessen darauf reagieren: das falle den Betroffenen schwer – und diese Defizite können sich massiv auf ihre Zukunft niederschlagen: Laut Vierbuchen zeigen Studien auf, das Arbeitslosigkeit, schlechte Gesundheit und das Abrutschen in die Kriminalität nur zu häufig die Folge sind. Eine Begründung für diese Entwicklung lässt sich nicht zweifelsfrei nennen, oft liege ein Strauß an Problemlagen vor: Die zunehmende Digitalisierung und ein hoher Medienkonsum beispielsweise seien Faktoren, häufig seien die Eltern selbst keine Rollenvorbilder oder inkompetent in der Erziehung und weil Mutter und Vater oftberufstätig seien, gäben sie ihren Kindern weniger Aufmerksamkeit, ohne dass Großeltern aufpassen könnten, gibt Vierbuchen als Beispiele an.

In Delmenhorst steigt die Zahl der unversorgten Kinder

Speziell in Delmenhorst steigt laut Drefs die Zahl der Kinder, die aufgrund ihrer sozialen oder emotionalen Defizite Hilfe bräuchten, aber unversorgt sind. Mit Zahlen belegen kann er das nicht, verweist aber auf Erfahrungen aus den Lebenshilfe-Kitas in der Stadt. Ein Hinweis auf das Ausmaß liefert die jüngste Diskussion um die Betreuung von Kindern mit seelischen Behinderungen in der Schule, bei der die Kosten für die Eingliederungshilfe um mehr als das Doppelte angestiegen sind. Dabei arbeite man in Delmenhorst bereits vorbildlich, bekräftigt Drefs. : Das „Delmenhorster Modell“, wie er es nennt, sieht Kleingruppen vor, in denen Kinder Platz finden, die mit zu großen Gruppen überfordert sind. Sechs Gruppen mit je 15 statt 25 gebe es derzeit.

„Jeder Euro in der Prävention spart hohe Folgekosten“

Trotzdem will die Lebenshilfe nun mit einer Mitarbeiterschulung nachlegen: „Jeder Euro, der jetzt in die Prävention gesteckt wird, spart Tausende Euro, die später für Therapien, in die Vermeidung von Arbeitslosigkeit oder beim Täter-Opfer-Ausgleich gezahlt werden müssen“, sagt Vierbuchen. Darum will die Lebenshilfe gezielt Erziehungskräfte aller Träger mit einer heilpädagogischen Zusatzqualifikation versehen, um auf die Bedürfnisse dieser Kinder einzugehen. Drefs sieht niedersachsenweit die Kommunen darum auch in der Pflicht, ihren Erziehern diese Qualifizierung zu ermöglichen.