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Leerer Klotz in Delmenhorster Innenstadt Ein Rundgang durch das verwaiste Hertie-Haus

Von Thomas Breuer | 15.05.2015, 19:23 Uhr

Karstadt – was für ein Magnet in der City. Danach der Hoffnungsträger Hertie. Alles nur noch Geschichte in der Innenstadt. Der Weg zu einer guten Perspektive führt durch den Staub.

Sie waren schon da: Einbrecher, die es auf Kupferleitungen abgesehen hatten, und Graffiti-Sprayer, die sich farbenfroh ausgetobt haben. Und wer in den 1970er-Jahren da war, lässt sich auch herausfinden. In einem Nebenraum der verwaisten Karstadt/Hertie-Immobilie liegen auf dem Fußboden stapelweise vergilbte Personalakten. Bewerbungsschreiben sind darin zu finden, angeheftete Fotos, Angaben über Gehalt und andere Zahlungen.

„Das geht gar nicht“, sagt Werner Uhde. „So etwas kann man doch nicht einfach liegen lassen.“ Uhde ist Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Immobilien Holding (DIH), die das Gebäude an der Langen Straße Anfang März gekauft hat. Die DIH mit Sitz in Delmenhorst, die zur Zech-Gruppe gehört, will die seit sechs Jahren leer stehende Immobilie entkernen, umfassend modernisieren und mit einer neuen Fassade ausstatten. Realistisch, sagt er, könnte das Gebäude im Frühjahr 2017 als Einkaufsadresse neu eröffnet werden.

Fläche ist „ein Phänomen“

Wie es früher war, von der Karstadt-Eröffnung am 6. September 1973 über den Wandel zu Hertie im März 2007 bis zur kompletten Schließung am 5. März 2009, das führt ein Rundgang durch den verlassenen Konsumtempel eindrucksvoll vor Augen. Uhde hat die Schlüsselgewalt, mit ihm ist so ein zweieinhalbstündiger Ausflug in die Kaufhaus-Vergangenheit möglich. Diese Zeit braucht es schon, neben 6000 Quadratmetern Verkaufsfläche auf drei Ebenen sind auch die Hinterlassenschaften auf Nebenflächen ähnlich großen Ausmaßes vom Untergeschoss bis in das dritte Obergeschoss zu entdecken. Allein dieses Verhältnis von Verkaufs- zu Nebenflächen nennt Uhde „ein Phänomen“. An Lager, Personal- und Werkstatt- und Technikräumen sei nicht gespart worden.

Kein Strom – Kein Licht

Die meisten anderen Phänomene sind nur mit der Taschenlampe in der Hand zu erkunden, denn in der Immobilie gibt es kein Licht, ist der Strom abgeschaltet. Die Luft dagegen ist erstaunlich frisch für das Innere eines seit Jahren ungenutzten Baus. Aber es ist ja auch nicht alles alt unter der dichten Staubsicht.

Rolltreppen können vielleicht bleiben

Große Teile des Fußbodens der Verkaufsflächen zum Beispiel nicht. „Den werden wir im ersten Zug nicht herausnehmen“, hat sich Uhde festgelegt. Und selbst für die Rolltreppen sieht er Perspektiven. Experten von Zech hätten diese nach gründlicher Instandsetzung eine Perspektive bescheinigt. Schließlich, so Uhde, seien Ausbau und Abtransport von Rolltreppen auch keine Kleinigkeit.

„Ein ordentlicher Hauswart hätte das ausgeräumt“

Bei allem Engagement, unnötige Arbeit will sich im Hause DIH/Zech niemand machen. Denn auch so ist im ersten Schritt schon eine Unmenge von Zeug zu entfernen, das Karstadt und Hertie hinterlassen haben. „Ein ordentlicher Hauswart hätte das ausgeräumt“, sagt Uhde.

Er meint damit nicht nur Regalinventar, Einkaufswagen, Schreibtische und Büromaterial, sondern auch das in die Jahre gekommene Inventar von Schreinerei, Schlosserei und Plakatmalerei. Über all diese Einrichtungen hat Karstadt vor Ort einmal selbst verfügt. Heute sieht es aus, als habe irgendwann jemand zum schnellen Aufbruch gedrängt, ohne dass Zeit blieb, die Koffer zu packen.

Viel Gerümpel, keine Schätze

„Es sieht hier noch schlimmer als erwartet aus“, sagt Uhde. „Aber ich wusste ja, als wir den Kaufvertrag gemacht haben, was auf uns zukommt.“ Viel Gerümpel und keine Schätze.

Ein gutes Gefühl

Etwa 25 Mal war der Investor schon im Haus, oft in Begleitung von Zech-Technikern. Ja, es sieht zum Teil übel aus, aber Uhde sagt auch: „Wenn ich jetzt durch dieses Haus gehe, habe ich ein gutes Gefühl, dass daraus etwas Besonderes werden kann.“ Einschließlich des angrenzenden Parkhauses, dessen Grundsubstanz wohl gut sei. Kernbohrungen sollen hier in Kürze weiteren Aufschluss geben.

Im Herbst könnte es losgehen

„Bisher ist alles auf gutem Weg“, sagt Uhde auch über die Gespräche mit der Stadtspitze. Und ob später im zweiten und dritten Obergeschoss einmal Wohnraum entstehe, das werde man sehen. Vom Kaufvertrag zurückzutreten, was sechs Monate lang möglich ist, sei nicht geplant.

Bleibt es dabei, könnte im Herbst die Entrümpelung beginnen. Auch die Personalakten aus den 1970er-Jahren kämen dann in den Schredder.