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Leitartikel zum Jahreswechsel Delmenhorst: Mächtig unter Strom!

Von Michael Korn | 31.12.2016, 10:42 Uhr

Unsere Stadt steht zum Jahreswechsel und darüber hinaus in mehrfacher Hinsicht mächtig unter Strom: In vielen drängenden Fragen befindet sie sich am Scheideweg, etwa bei der Innenstadt-Entwicklung, der Schaffung von Bauland, dem Abbau des Investitionsstaus in Schulen und im Straßennetz, bei der Graft-Rettung – und nicht zuletzt bei der Energieversorgung.

Insbesondere die strategisch, aber auch rechtlich fragwürdige Absage der Stromnetz-Vergabe an die eigenen Stadtwerke könnte sich als schwerwiegender Fehler erweisen mit Folgen für den politischen, aber auch sozialen Frieden. Zu Recht hat die Energieexpertin Prof. Dr. Claudia Kemfert, gebürtige Delmenhorsterin und Abteilungschefin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, im dk-Interview vor einem Kniefall vor dem Energiekonzern EWE gewarnt und ein transparentes Vergabeverfahren auf Augenhöhe angemahnt. Schließlich haben die Stadtwerke den Oldenburger Versorger im ersten Wettbewerb ausgestochen und sollen jetzt aus rein rechtlich-formalen Gründen ein zweites Mal ins Auswahlprozedere. Die Verbraucher und die Beschäftigten macht dies einigermaßen ratlos und lässt Zweifel an der Verlässlichkeit von Rat und Verwaltung aufkommen.

Fast erdrückende Verantwortung für 2017

Der neue Stadtrat, nach der Kommunalwahl im September 2016 in acht Fraktionen und Gruppen zerfasert, hat also eine fast erdrückende Verantwortung für 2017, weil im neuen Jahr viele entscheidende Weichen gestellt werden (müssen). Ständig wechselnde Mehrheiten der großen mit den kleinen Fraktionen scheinen dabei für eine verlässliche Stadtpolitik nicht geeignet. Insbesondere SPD und CDU sind gefordert, sich strategisch auszurichten und mit einem klaren Profil die Herkulesaufgaben in Delmenhorst anzugehen. Oberbürgermeister Axel Jahnz wird dabei als Rathauschef mehr denn je die Rolle als „OB für alle“ ausüben müssen. Nicht zuletzt von ihm dürfte abhängen, inwieweit große Mehrheiten für die großen Themen organisierbar sind.

Nicht viel gewuppt

Die Delmenhorst-Bilanz für das nunmehr abgeschlossene Jahr 2016 fällt ernüchternd aus. Viel wurde nicht gewuppt, was die Stadtentwicklung erkennbar nach vorne bringen könnte. Gut Ding will Weile haben, mögen sich da Optimisten sagen. Realisten hingegen konstatieren, dass Delmenhorst bei vielen wichtigen Themen auf der Stelle tritt und allenfalls die eine oder andere Entscheidung Anlass zu einem Fünkchen Hoffnung gibt.

Beängstigender Leerstand

Die Innenstadt, die zweifelsohne großes Potenzial hat und von mutigen Investoren wie Immobiliensanierer Kristensen-Invest über den grünen Klee gelobt wird, wartet noch immer auf den Durchbruch. Klar, nach Aufwertung von Rathausplatz und Markthalle macht die Neupflasterung der Fußgängerzone unsere Einkaufsmeile hübscher, Häuserfassaden wurden renoviert und vereinzelt haben neue Läden eröffnet wie Komplott oder Haferkamp oder sie beweisen Stehvermögen wie Wellensteyn oder Der Herrenausstatter. Andere Geschäfte hingegen wie zum Beispiel Hunkemöller und Xenos sehen indes keine Zukunft in Delmenhorst, in einigen Bereichen ist der Leerstand anhaltend beängstigend.

Der unüberwindbare Bremsklotz Hertie

Vor allem die Hertie-Ruine wirkt weiterhin wie ein überdimensionierter, unüberwindbarer Bremsklotz bei der Belebung der City. Dem Investor ist es trotz aller anderslautender Bekundungen bislang nicht gelungen, einen namhaften Hauptmieter aus der Modebranche für den Standort zu gewinnen. So gammelt der Koloss an der Langen Straße weiter vor sich hin und macht vor allem den mutigen Kaufleuten im Ostteil des Zentrums die Laufkundschaft madig. In zwei Monaten wissen wir vermutlich mehr, wenn der Eigentümer der Stadt gegenüber vertragsgemäß Butter bei die Fische geben muss. An den Worst Case, also einer Beerdigung des Projekts „Revitalisierung der Hertie-Immobilie“, mag man nicht denken...

Ratspolitik glänzt mit Absagen

Der Parkplatzfrage kommt dabei eine entscheidende Bedeutung zu – entweder gibt es für den geplanten neuen Einkaufstempel zusätzliche Parkplätze in nächster Nähe (und das kann auch am Standort des alten Parkhauses sein!) oder die Sache ist wohl durch. Bislang glänzt die Ratspolitik lediglich mit einer deutlichen Absage („Am Vorwerk nicht!“), Alternativvorschläge hat sie bislang nicht gemacht, obwohl die Zeit für den Investor – und die Innenstadt – drängt. Es muss schleunigst eine Lösung her!

Das große Parkproblem

Apropos Parkplätze: Hier kommt auf die Innenstadt 2017 rasch ein dickes Problem zu: Mit dem in wenigen Wochen beginnenden Abriss des City-Parkhauses fehlen von heute auf morgen 400 Stellflächen in bester Lage zu Geschäften und Dienstorten. Ersatz-Vorschläge der Verwaltung für die Hotelwiese sowie aus der Kaufmannschaft für den Rathausbrunnenplatz sind eher ein hilfloser Versuch, irgendwie zu retten, was scheinbar nicht zu retten ist. Wenn es nicht zügig gelingt, übergangsweise nennenswerten Parkraum im Stadtkern zu schaffen, drohen massive Kundenabwanderung und Umsatzverluste. Die Graftwiesen sind für Delmenhorster City-Verhältnisse zu weit weg, ein schon angeregter Shuttlebus scheint wenig nachfrageorientiert. Muss doch über den Rathausplatz nachgedacht werden? In jedem Fall wird diese drängende Frage eine der ersten Bewährungsproben für den neuen Stadtrat 2017!

Delmenhorst braucht Geduld!

Riesengroße Chancen für die Zukunft des Zentrums bietet in jedem Fall der Neubau des Krankenhauses anstelle des alten Josef-Stiftes – sowohl für eine zentrale, verbesserte und zukunftsfähige Gesundheitsversorgung als auch für eine Belebung der Innenstadt. Allerdings erst in ein paar Jahren, weil bis 2020 erst einmal eine Großbaustelle mit all ihren belastenden Begleiterscheinungen wie Lärm und Verkehr Anwohner, Besucher und Kunden auf eine harte Geduldsprobe stellen wird. Wie sagte Oberbürgermeister Axel Jahnz beim Stadtempfang in der Markthalle treffend: Delmenhorst braucht Geduld!

Neue Impulse in Sachen Bauland nötig

Nur besser werden kann es im neuen Jahr beim Bauland. Seit Jahren hechelt die Ratspolitik den Entwicklungen im Umland hinterher, vor allem in Ganderkesee, wenn es um die Schaffung von Grundstücken für Familien geht. Hoffentlich kann die neue Stadtbaurätin Bianca Urban der Politik neue Impulse geben, um zügig aufzuholen. Mit dem Verweis auf hunderte einzelner Baulücken in den bestehenden Wohngebieten ist jedenfalls nicht geholfen – Delmenhorst braucht zusammenhängende Neubaugebiete in attraktiver Lage! Wer nach Grundstücken auf den einschlägigen Immobilien-Portalen googelt, erhält kaum nennenswerte Treffer. Das ist für eine Stadt mit mehr als 80000 Einwohnern nicht angemessen. Städtebaulich von hoher Bedeutung sind hierbei auch die möglichen Nutzungen der Flächen von Delmod und Klinikum.

Die Chancen für einen Aufwärtstrend in Delmenhorst sind also reichlich vorhanden, sie müssen nur endlich genutzt werden!

Ausblick mit Augenzwinkern

 PS: Es könnten sich jedoch 2017 Ereignisse und Entscheidungen ergeben, wie sie sich 2016 bereits andeuteten. Hier unsere Prognose:

  Januar: Die Grafttherme muss kurz nach ihrer Spaßbad-Renovierung schon wieder monatelang geschlossen werden. Der Grund: Die Geschäftsleitung will rechtzeitig zur Sommersaison ein neues Freibad mit 50-Meter-Bahnen und Zehn-Meter-Sprungturm fertiggestellt haben, um in der Region konkurrenzfähig zu bleiben.

  Februar: Ein Jahr nach Einbau des neuen, 124.000 Euro teuren Marktbrunnens an exponierter Stelle auf dem Rathausplatz lässt die Stadt das Wasserspiel vor den Haupteingang der Markthalle versetzen – als Riesen-Aschenbecher für rauchende Besucher.

  März: Parkplatz-Probleme in der Innenstadt gelöst – auf dem Areal der leer stehenden Barbara-Kaserne in Adelheide werden Ersatzflächen bereitgestellt. Ein Bundeswehrhubschrauber bringt die Besucher im Fünf-Minuten-Takt zum Wunschgeschäft in die City.

  April: Die auf eine Stunde ausgedehnte „Brötchentaste“ auf ausgewählten City-Parkplätzen wird um eine Attraktion erweitert. Auf Tastendruck gibt es tatsächlich eine Tüte frische Brötchen gratis dazu.

  Mai: Nur wenige Tage nach der Einweihung des knapp 100000 Euro teuren Barfußpfads in der Graft muss dieser schon wieder geschlossen werden, weil die Stadt falsches Material bestellt hat und sich hunderte Nutzer Glas-, Holz- und Kieselsplitter in die Füße getreten haben.

  Juni: Zur Behebung des Leerstandes in der Fußgängerzone hat das City-Management die Idee, den Shisha-Trend zu nutzen – im Juni eröffnet damit die 68. Shishabar ihre Türen.

  Juli: Die neuen Graftbrunnen sprudeln, was das Zeug hält und legen den Stadtpark dermaßen trocken, dass Versandungen angrenzende Wohnhäuser beschädigen.

  August: Das FestiDEL mit Top-Act Mark Forster muss schon nach der Vorgruppe beendet werden, da der Lärmpegel für ein Open-Air in der Innenstadt alle Grenzwerte sprengt.

  September: Die Kommunalwahl 2016 muss wiederholt werden. In den vergangenen Monaten haben so viele Ratspolitiker die Partei gewechselt, dass der Wählerwille als nicht mehr gewährleistet von der Kommunalaufsicht festgestellt wird.

  Oktober: Der Rat hat die Lösung der Delmenhorster Bauland-Misere: Das alte Dorf Hasbergen wird samt zerstrittener Einwohnerschaft nach Adelheide umgesiedelt, um großflächig Platz zu schaffen für ein „Neues Hasbergen“.

  November: Facebook tilgt alle Hass-Posts über Delmenhorst. Das soziale Netzwerk will die Stadt schützen, weil sie weltweit die einzige ist, deren Einwohner prozentual gesehen in so großer Anzahl so schlecht über sich selbst denken.

  Dezember: Delmenhorst schafft es wegen eines Tumults wieder bundesweit in die Schlagzeilen – diesmal nicht anlässlich einer Geschäftseröffnung wie bei C&A 2016, sondern wegen einer Ratssitzung. Der Unterhaltungswert der letzten Jahressitzung 2016 hatte sich herumgesprochen und Hunderte wollen in der Markthalle dabei sein.