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Lesung zum Ersten Weltkrieg Stadtkirche erinnert an Delmenhorster Gefallene

Von Marco Julius | 28.10.2015, 07:49 Uhr

33 Namen auf einer Tafel, 33 Männer aus Delmenhorst, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind: Pfarrer Thomas Meyer erinnert an ein Kapitel Stadtgeschichte und ruft zum Frieden auf.

Den Namen ein Gesicht geben, das war das Ziel von Stadtkirchen-Pfarrer Thomas Meyer, als er im vergangenen Jahr die hölzerne „Ehrentafel für die im Weltkriege 1914-1918 gefallenen Kameraden“ aus dem Keller der Kirche wieder ans Licht holte und aufpolieren ließ. Im Keller, das war ihm ein zu „unwürdiger Platz“. Meyer hat sich auf die Suche gemacht, hat versucht, die Geschichten hinter den 33 auf der Tafel verzeichneten Namen ausfindig zu machen. In einigen wenigen Fällen ist ihm das gelungen. In einer Lesung zum Ersten Weltkrieg hat er im November 2014 davon berichtet.

Lesung am 15. November

Am Sonntag, 15. November, gibt es ab 17 Uhr bei freiem Eintritt – es wird lediglich um eine Spende gebeten – erneut eine Lesung in der Stadtkirche, die Meyer gemeinsam mit dem Schauspieler Johannes Mitternacht und dem Posaunenchor gestalten wird. Sie werden Texte lesen, die mahnen und die zum Frieden aufrufen – unter anderem von Kurt Tucholsky und anderen Zeitgenossen. Und sie werden an Familienschicksale erinnern. Schicksale, die sich hinter den Namen der auf der Tafel verzeichneten Gefallenen verbergen: O. Biermann, H. Brumund, K. Buschmann, H. Ehlers, H. Feldhaus, O. Grossmann, K. Hickl, E. Hinrichs, W. Jünemann, E. Kaufmann, A. Kehr, H. Kirchhoff, E. Korte, H. Kröger, H. Möllendorf, J. Naumann, zweimal H. Nordbruch, A. Nüstedt, J. Oeltjenbruns, D. Oestmann, B. Rodiek, H. Segebade, B. Schanze, H. Schröder, S. Stromberg, J. Storch, W. Stöver, F. Ternieten, H. Tönjes, W. Watterodt, W. Weinmar und E. Wittje sind ins Holz geschlagen. Mit den Worten „Ihr werdet wieder zu Hause sein, ehe noch das Laub von den Bäumen fällt“ hatte der deutsche Kaiser Wilhelm II. im Sommer 1914 Soldaten in den Krieg geschickt, Soldaten auch aus Delmenhorst. Viele kamen nicht zurück.

Brüder fallen im Krieg

Die beiden Nordbruchs zum Beispiel, über die ein Nachfahre Meyer berichten konnte, dass es sich um die Brüder Heinrich und Hermann Nordbruch handelte. Der eine fiel bereits im ersten Kriegsjahr, der Bruder folgte im letzen, dem fünften Jahr des Gemetzels, 1918.

Oder Hermann Tönjes, 1878 geboren, der als Familienvater und Buchdrucker in Delmenhorst lebte und 1915 in Frankreich sein Leben ließ. Ein Nachfahre stellte Meyer Fotografien aus dem Familienalbum des Mannes zur Verfügung, der nur 36 Jahre alt wurde. Die Fotos werden in der Lesung zu sehen sein. Sie geben den Namen ein Gesicht, zeigen, wie der Krieg wirkte, zeigen, dass die Menschen, die ihren Familien entrissen wurden, ganz normale Bürger waren. „Treu bis in den Tod“ steht auf der Ehrentafel, die der Kriegerverein Delmenhorst vermutlich 1919 anfertigen ließ. Ein Satz, mit dem Meyer nichts anfangen kann. Ihm liegt nichts ferner, als mit dem Gedenken etwas zu verherrlichen. Im Gegenteil: „Wir wollen die Erinnerung wach halten, sensibilisieren, zum Frieden mahnen“, sagt er. Frieden sei nichts Selbstverständliches, wie etwa der Bürgerkrieg in Syrien zeige. Meyer schlägt so auch einen Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft.

Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts

Meyer erinnert daran, dass das „Dritte Reich“ und der Zweite Weltkrieg in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg stehen, nicht ohne Grund sprechen Historiker vom Ersten Weltkrieg als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. In der Stadtkirche gibt es Gedankenspiele, im kommenden Jahr einen „Raum des Widerstands“ in der Kirche einzurichten, der unter anderem an den Kampf der „Bekennenden Widerstandsgemeinde Delmenhorsts“ um Paul Schipper erinnern soll. „Die Erinnerung an den Widerstand im Dritten Reich gilt es wachzuhalten, auch angesichts der aktuellen Gefahr von Rechts“, sagt Meyer. Die Tafel für die Gefallenen könnte in diesem Raum ebenfalls einen Platz finden, sagt der Pfarrer.

Weitere Informationen gesucht

Meyer betreibt weiter Recherche, hofft, weiteren Namen ein Gesicht geben zu können, holt dafür auch den Stadtarchivar Werner Garbas mit ins Boot. Und er hofft noch immer darauf, dass sich weitere Nachfahren melden. Wer Angaben zu den Gefallenen machen kann, kann sich im Kirchenbüro am Kirchplatz 20, unter (04221) 126 40 oder per E-Mail an kirchenbuero.delmenhorst@kirche-oldenburg.de melden.