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Lobgesang bei Zeit Online Delmenhorst: Ungekrönte Königin der durchfahrenen Städte

Von Eyke Swarovsky | 20.06.2016, 20:11 Uhr

Es gibt wohl kaum ein überregionales Medium, dass sich nicht schon das Maul über Delmenhorst zerrissen hat. „Keiner will in die unattraktivste Stadt Deutschlands“ war oft der Tenor. Ein am Montag veröffentlichter Artikel bei „Zeit Online“ legt nun die mit Vorurteilen behaftete Brille ab und singt ein wahres Loblied auf die durchschnittliche Stadt an der Delme.

„Wer niemals in Delmenhorst ausgestiegen ist, der hüte sich zu sagen, dass es sich bei dieser Stadt [...] um die schmuddelige kleine Schwester von Bremen auf der einen oder Oldenburg auf der anderen Seite handelt.“ So beginnt Autorin Wiebke Porombka ihren Lobgesang auf Delmenhorst, der am Montagmittag auf „Zeit Online“ erschienen ist . Ungewohnte Zeilen – war Delmenhorst in den vergangenen Jahren doch stets das gefundene Fressen für die Medien dieses Landes, die sich auf Tourismus-Statistiken stürzten und daraus ableiteten, dass die Stadt an der Delme die unbeliebteste in der ganzen Republik sei .

Porombka hat recht mit dem, was sie schreibt. Viel zu oft schon ist Delmenhorst in den Boden geschrieben und geredet worden. Meist wohl von denen, die vermutlich nicht einmal persönlich hier unterwegs waren. Doch wer die Augen öffnet und den Blick nicht nur auf den Boden richtet, der findet in Delmenhorst wahrlich mehr Schönheit, als in anderen deutschen Orten zu entdecken ist, auch wenn anderswo vielleicht mehr Menschen übernachten. (Weiterlesen: Delmenhorst nicht mehr Schlusslicht beim Tourismus)

„Wo Shopping noch Bummeln heißt“

„Wer heute nach Delmenhorst kommt, kann [...] nach Herzenslust auf den Spuren der Vergangenheit wandeln. Auf etwas anderen als Goethes Spuren in Weimar oder denen der Römer in Trier, dafür aber auf den ungemein gut erhaltenen Spuren der 1990er Jahre, die in ihrer angeblichen Ereignislosigkeit zu Unrecht ähnlich gering geschätzt werden wie die ungekrönte Königin der durchfahrenen Städte.“ Porombka spielt an auf die Zeit vor dem Smartphone, als man seine Nachmittage noch in Fußgängerzonen verbrachte, anstatt auf Facebook. Und Delmenhorst, „wo Shopping noch Bummeln heißt“, hat auch heute noch eine Fußgängerzone, die ihren Namen verdient und die man hinauf und hinunter bummeln kann. Auch, wenn auf das Rauf allerdings ziemlich schnell das Runter folge und umgekehrt, wie Porombka schreibt. Eine gewisse Romantik dieser Aktivität, die einige wenige alteingesessene Delmenhorster sogar Sonntags bei geschlossenen Geschäften betreiben, ist nicht von der Hand zu weisen.

Auf der Nordwolle ist die Zeit verschoben

Die Autorin ist voll des Lobes, wenn sie über die Nordwolle schreibt. Ein „ riesiges Industriedenkmal , das jeder Ruhrpottstadt gut zu Gesicht stehen würde“. Die Mixtur aus Kultur, Industrie-Flair und Wohnquartier in Verbindung mit der riesigen Klinkerfront sorge für das Gefühl, dass die Zeit hier ein wenig verschoben ist.

Lange nicht mehr so kriminell wie früher

Dass Delmenhorst schon lange nicht mehr Spitzenreiter der Kriminalstatistik ist, wie viele von Außerhalb noch immer annehmen, führt Porombka unter anderem auf die klassische Musik zurück, die am Bahnhof aus den Lautsprechern schallt. Sie stellt das Konzept jedoch mit einem Augenzwinkern infrage: „Dieser Klimawandel in Sachen Gefahrenpotenzial stimmt ein wenig wehmütig. Möchte man wirklich auf die Überraschung verzichten, dass das Fahrrad noch da steht, wo man es angeschlossen hat? Will man sich Delmenhorst als Idylle vorstellen?“

Das schönste, bisher unentdeckte Survivalcamp

Die Töchter und Söhne aus gutem Hause lernen in Porombkas Weltbild Sprachen oder Cello, um Weltläufigkeit auszustrahlen. „Wer jedoch durch die Delmenhorster Schule gegangen ist, verfügt über andere Mittel, um zu zeigen, dass er selbst in den Banlieues dieser Welt zu Hause ist.“ Wenn das kein Kompliment ist? Und so wundert das Fazit der Autorin auch keineswegs: Der Element-of-Crime-Hit „Delmenhorst“ („Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist. Und das ist immer Delmenhorst) ist kein deprimierter Abgesang – Er ist die liedgewordene Utopie. Und Delmenhorst ist das „schönste, aber bisher unentdeckte und deshalb weitgehend touristenfreie Survivalcamp unserer Zeit“. Höher, schneller, weiter, ist die Lebensweisheit der Stunde in vielen deutschen Metropolen. Wem das zu viel wird, wer sich mal wieder erden möchte, der sollte nach Delmenhorst kommen. So schreibt Porombka: „Warum Klippenspringen, warum Yogacamp, wenn man in Delmenhorst wie nebenbei der universellen Mittelmäßigkeit des eigenen Daseins ins ungeschminkte Gesicht und in die Seele schauen kann?“