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Lücken in Lahusen-Biografie geschlossen Dokumente des tiefen Falls eines Großunternehmers

Von Dirk Hamm | 06.07.2015, 17:49 Uhr

Der spätere Lebensweg des einstigen Nordwolle-Lenkers und -Zerstörers G. Carl Lahusen lag bislang im Dunkeln. Die Arbeit von Bremer Studenten schließt jetzt Lücken.

Vor den Augen der Zuschauer, die am Donnerstagabend in der Turbinenhalle auf der Nordwolle gebannt die szenische Lesung der Shakespeare Company über „Prunk und Pleite“ der in Delmenhorst und Bremen ansässigen Unternehmerdynastie Lahusen verfolgt haben, wurde ein bedeutendes Stück deutscher Wirtschaftsgeschichte lebendig. Im Mittelpunkt stand der Mann, dessen betrügerisches Handeln als Lenker des größten Textilkonzerns Kontinentaleuropas eine verhängnisvolle Kettenreaktion auslöste: G. Carl Lahusen.

Der Prunk des gerade erst errichteten Herrenhauses bei Schwanewede-Löhnhorst und die machtvolle Größe der neuen Konzernzentrale in Bremen, des späteren Haus des Reichs, ließen Anfang 1931 nicht erahnen, wie schlecht es um die Finanzen des Nordwolle-Konzerns stand. Dann brach das Kartenhaus blitzschnell in sich zusammen: Im Juni 1931 ist das Unternehmen zahlungsunfähig, am 17. Juli werden die Brüder G. Carl und Heinz Lahusen wegen des Verdachts des Konkursvergehens verhaftet.

Wirtschaftskrise durch Nordwolle-Drama zugespitzt

In den Tagen zuvor hatte der Zusammenbruch der Nordwolle zuerst deren größten Kreditgeber, die Danat-Bank, mit in den Abgrund gerissen, dann eine allgemeine Bankenkrise in Deutschland ausgelöst – beinahe gespenstisch die Parallelen zu den Ereignissen der Finanzkrise des Jahres 2008 nach der Lehman-Pleite und zu den Bildern der Schlangen, die sich aktuell in Griechenland vor den geschlossenen Banken bilden. Die Weimarer Republik torkelte infolge der Zuspitzung der Wirtschaftskrise durch das Nordwolle-Drama noch schneller ihrem Ende entgegen. Die Brüder Lahusen wurden im Dezember 1933 zu einer Haftstrafe verurteilt.

Der szenischen Lesung der Shakespeare Company liegt die akribische Auswertung bislang nicht erschlossener Quellen durch eine Projektgruppe Bremer Studenten unter der Leitung der Historikerin Dr. Eva Schöck-Quinteros zugrunde. Nicht zuletzt hunderte Briefe aus der Privatkorrespondenz der Lahusen-Familie, die das Industriemuseum auf der Nordwolle zur Verfügung gestellt hat, erhellen das Handeln, Denken und den Charakter der Protagonisten des Wirtschaftskrimis.

G. Carl Lahusen starb in Washington

Nachzulesen sind exemplarische Dokumente im 86-seitigen Programmheft zur szenischen Lesung, das im Internet unter sprechende-akten.de bestellt werden kann sowie im Buchhandel erhältlich ist (ISBN: 978-3-88722-748-7). Eine wissenschaftliche Veröffentlichung soll im Herbst folgen.

Der Blick in die Akten macht erstmals auch möglich, etwas über den bisher weitestgehend unbekannten Lebensweg G. Carl Lahusens nach seiner vorzeitigen Haftentlassung im Dezember 1935 zu erfahren. Dieser Weg endete nach einer Reihe von teils gescheiterten Anläufen, im Textilhandel wieder Fuß zu fassen, schließlich in der US-Hauptstadt Washington: Dort starb das einstige Haupt der Lahusen-Dynastie am 9. August 1973.