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Luftfahrt von Stickgras nach Dötlingen Mit dem dk-Ballon über Delmenhorst

Von Frederik Grabbe | 12.10.2015, 16:30 Uhr

Bei klarem Wetter ist er ein prominenter Anblick über der Stadt: Der dk-Ballon. dk-Volontär Frederik Grabbe traute sich und stieg zu dem Piloten Jürgen Ehlers ins Luftgefährt. Der Blick von oben hält spannende Ansichten bereit.

Eines vorweg. Der Reporter ist jetzt adelig. Sie wundern sich? Ballonfahrer allerdings tun das nicht. Nach der Jungfernfahrt – der Begriff „Flug“ ist unter Ballonfahrern mehr als verpönt - geht jeder Erstfahrer in den Adel ein. Glaubt man der Legende, hat das mit den Ursprüngen der Ballonfahrt zu tun, als in Frankreich einfache Soldaten im Krieg mit der Aussicht auf Titel und Land ins Luftgefährt gedrängt wurden und hinter die feindlichen Linien fahren sollten. Dies ist nur eine Version einer Erklärung. Schenkt man dieser Legende Glauben, gehört dem Reporter jetzt in gedachter Luftlinie alles zwischen Stickgras und Hockensberg bei Dötlingen.

Dass wir ausgerechnet in Hockensberg landen würden, hätte zuvor niemand gedacht. „Wo wir landen werden?“, wiederholt der Pilot Jürgen Ehlers vor dem Start die Frage und wirft dabei beide Arme in die Luft, in die wir gleich zu steigen gedenken. „Das ist das Interessanteste an der Ballonfahrt überhaupt.“

Wir stehen auf der Wiese hinter dem Autohaus Mock an der Syker Straße im Delmenhorster Osten. Ehlers ist der Pilot des dk-Ballons, der gerade von seinen Helfern auf der Wiese ausgebreitet wird. Eine Fahrt über Delmenhorst, das ist der Plan. So hat sich das auch Natascha Münster (36) gedacht, die die Fahrt bei einem Gewinnspiel gewonnen hat. „Eigentlich wollte ich ja das Ipad“, sagt sie. „Und eigentlich habe ich Höhenangst. Aber wenn man etwas gewinnt, muss man es ja nutzen“, sagt sie.

Die Fläche von zehn Vier-Zimmer-Wohnungen erheben sich in die Luft

Der Ballon selbst besteht aus Korb, Brenner und Hülle. Der Brenner wird mit vier Stahlseilen an dem Korb befestigt. Nachdem die rote Hülle mit dem Korb verbunden und in Windrichtung auf der grünen Wiese ausgebreitet ist, wird der Korb ebenfalls auf den Boden gekippt. Würde man die Hülle vollends ausbreiten, erhielte man eine Fläche von mehr als 1100 Quadratmetern, sagt der Pilot. Zum Vergleich: Das sind etwa zehn Vier-Zimmer-Wohnungen.

Bei Ehlers haben die Gäste ein Stück weit selbst mit anzupacken. So auch der Reporter. Per Gebläse pressen die Helfer zunächst kalte Luft in die Ballonhülle. Der Schreiber erhält die Aufgabe, per Seil die Mündung des Ballons offenzuhalten. Eine Aufgabe, die Kraft erfordert: Als sich die Hülle langsam füllt, stellen die Ballonfahrer fest, dass sich der Wind leicht gedreht hat. Statt von Nord bläst er von Nord-Ost. Für den Aufbau bedeutet das, dass der Wind leicht gegen die Seite der Hülle drückt – und das macht das Halten der Seile an der Hülle ungleich schwerer. Wie ein Windsurfer, der ein Segel hält, und sich halb über die Wasseroberfläche biegt, krallt der Reporter sich an die Seile. Die Idee, dass Ballonfahren gemächlich sein könnte, ist dahin.

Irgendwann setzt dann der Brenner ein: Im Korb liegen drei Gasflaschen gefüllt mit 75 Prozent flüssigem Propangas, das in den Flaschen – 45 Grad kalt ist. Der Brenner wandelt das Gas zu einer 1200 Grad heißen Flamme um, die heiße Luft in die rote Hülle faucht.

Der Drache spuckt, der Ballon wächst – und steigt schon bald in die Luft. Der Korb ist zwar an einen SUV gebunden, damit er nicht davon schwebt, doch trotzdem ist Eile geboten: Schnell in Korb geklettert heißt es für Pilot und Fahrgäste. Ehlers setzt noch einen Funkspruch ab, der die Starterlaubnis von der Flugsicherung in Bremen einholt. Das ist in Delmenhorst, in nächster Nähe zum Flughafen, Pflicht.

Delmenhorst ist grün, Delmenhorst ist groß

Es ruckelt zwei Mal mit dem Korb über die Wiese, dann steigen die Ballonfahrer sanft in die Luft. Auf nach Süd-West, das ist unser Kurs. In Schritttempo geht es voran, scheint es. Doch das Tempo täuscht. Wir fahren mit sieben Knoten, das sind etwa 13 Kilometer die Stunde. Immer noch genug Zeit, sich einmal einen Blick in Nachbars Garten zu werfen. In Stickgras, so ein erster Eindruck, wimmelt es von Pools. „Das ist das Schöne an der Ballonfahrt. Von oben sieht die Welt ganz anders aus“, sagt der Pilot. Die Ansicht wechselt. Von der Frosch- zur Vogelperspektive.

Die Sicht eines Vogels offenbart auch: Delmenhorst ist grün. Und Delmenhorst ist groß. Nirgendwo sonst wird das so deutlich. Alle sprechen von einem Mangel an Bauland? Hier liegt es doch, die Flächen sind doch da, schießt es einem durch den Kopf. In der Luft, mit der Perspektive von oben, beginnen die Gedanken zu wandern. Es wird sogar politisch. „Schaut euch diese Weite an“, sagt Jürgen Ehlers. „Da kann man schon verstehen, warum Merkel den Flüchtlingen gesagt hat, sie können nach Deutschland kommen.“ Die Gedanken werden jäh vom spuckenden Drachen unterbrochen. Der Ballon braucht mehr Auftrieb. Die Stille der Höhe, das Fauchen des Brenners. Das ist die Geräuschkulisse eines Ballonfahrers.

Faucht der Brenner, kommt er Auftrieb zwölf Sekunden später

Es geht höher und höher. 300 Meter über Städten und Ortschaften, 150 Meter über freiem Gelände, so hoch muss der Ballon mindestens fahren. „Als Pilot muss ich vorausschauend steuern“, sagt Jürgen Ehlers seinen Gästen. „Betätige ich den Brenner, erhält der Ballon erst 12 Sekunden später den Auftrieb.“

Stickgras lassen wir schnell hinter uns, die Fahrt führt über Zurbrüggen in Hasport, die A28, über Brendel, es geht vorbei am Windpark zwischen Annen- und Adelheide. In der Entfernung ist das eingestürzte Dach des ehemaligen Lindenhofs zu sehen. Ein Sportplatz tut sich auf: Hier schießen sonst Soldaten der Feldwebel-Lilienthal-Kaserne Tore und klettern nebenan über einen Hindernisparcours. An der Grenze zu Ganderkesee funkt Ehlers der Flugsicherung zu und signalisiert, dass wir die Kontrollzone verlassen. Es geht über Maisfelder, Bachläufe, Vieh auf den Weiden immer der untergehenden Sonne entgegen. Oft sehen wir den sogenannten Verfolger, den SUV, der den Ballon im Anhänger zum Start gebracht hat und diesen auch später einsammeln wird. Im Wagen sitzt Michael Homann, Schüler von Ehlers. Er hält Funkkontakt und folgt dem Ballon geradewegs in den Sonnenuntergang. Sie Sonne übrigens geht an diesem Freitag um 18.56 Uhr unter. Das habe die Vorhersage ausgerechnet, sagt der Pilot. Spätestens dann muss der Ballon am Boden sein. Schließlich sucht Jürgen Ehlers einen Landeplatz. Was aber gar nicht so leicht ist, bei all dem Mais. Der Ballon sinkt tiefer und tiefer. „Tief anfahren“ nennt Ehlers das.

Schwebend geht es an einem Wohnzimmerfenster vorbei

Hinter einem Maisfeld bietet sich eine Fläche an. „Ist das Raps?“, fragt der Pilot. Dem Bauern die Ernte vermiesen wolle er dann doch nicht. Doch da tut sich zwischen den Bäumen eine akkurat geschnittene Rasenfläche auf. Ein Garten, aber leider viel zu klein für eine Landung mit dem Ballon. Inzwischen sind wir so tief, dass wir in Schrittgeschwindigkeit über dem Raps hinwegschweben. In nur 50 Metern lässt sich ins Wohnzimmer eines Hauses blicken, doch Ehlers gefallen die nahenden Baumkronen nicht. Der Pilot lässt den Drachen fauchen. Die Bäume lassen wir hinter uns, die nächsten Maisfelder ebenfalls. In Hockensberg muss dann doch ein Rapsfeld dran glauben.

Zu Beginn der Reise hatte der Pilot eine ruhige Landung angekündigt. Sie fällt ein wenig „sportlicher“ aus, als geplant. Der Wind hat ein wenig zugenommen. Mit neun Knoten sind wir fix unterwegs. Der Korb setzt zwei Mal auf und legt sich vorne längs auf den Rapsacker, die Besatzung krallt sich an die Halteschlaufen im Korb, während sich die Hülle sanft auf den Raps breitet. Eine ruhige Landung sieht anders aus, ist aber auch weniger spaßig. Ehlers, der 74-jährige Pilot, liegt übrigens unten und muss das Gewicht des Reporters tragen. Die Landung haben alle unverletzt überstanden. Später sagt Ehlers stolz: „Seit 30 Jahren bin ich Ballonfahrer und noch nie hatte ich einen Personenschaden.“

Die Angst wird bewältigt, die Wurst ist verstaut

Piloten, Gäste und Helfer im Verfolger machen sich daran, die Hülle zusammenzupacken. Natascha Münster, der Fahrgast mit der Höhenangst, bilanziert: „Ich musste mich zwischendrin wirklich konzentrieren, um meine Angst nicht zuzulassen. Aber die Fahrt war wirklich schön.“ Gut gelaunt und erleichtert faltet die Crew den Ballon zusammen, den sie in diesem Zustand kurz „Wurst“ nennt. Als alles verstaut ist, folgt die Taufe der Ballonfahrer. Details sollen an dieser Stelle geheim bleiben. Nur so viel: Sie ist nass und ein wenig dreckig – aber sie macht auch ohnegleichen stolz. Nach diesem Adelsschlag wird der Name des Reporters mit dem Zusatz „dahingleitender Luftkutscher“ ergänzt – unter anderem. „Wie das mit dem Grundbesitz ist“, scherzt der Pilot Ehlers, „müsst ihr aber selber aushandeln.“