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Mai 1916: 8000 Mark für Pakete an Soldaten Liebesgaben aus Delmenhorst für die Front

Von Dirk Hamm | 08.05.2016, 09:59 Uhr

Vor 100 Jahren wurde die Nagelung des Stadtwappens als patriotische Veranstaltung inszeniert. Der Erlös floss in Liebesgaben für die Frontsoldaten.

Im Mai 1916 zog sich der Konflikt, der als Erster Weltkrieg in die Geschichtsbücher einging, bereits seit 21 Monaten hin. Unzählige junge Männer waren bis dahin an den Kriegsfronten getötet oder an Körper und Seele verletzt worden. Ganz besonders im symbolhaft aufgeladenen Ringen um die Festung Verdun, das sich beinahe das ganze Jahr 1916 über hinzog, wurden die Soldaten auf beiden Seiten verheizt.

Nägel Einschlagen zum Spendenerwerb

Mit patriotischen Aktionen sollte die Stimmung in der Heimat hochgehalten und die Verbundenheit mit den Frontsoldaten gefestigt werden. Bereits in etlichen anderen deutschen Städten hatte das öffentliche Einschlagen von Nägeln in hölzerne Nachbildungen berühmter Persönlichkeiten oder symbolischer Zeichen Geld eingebracht, mit denen sogenannte Liebesgaben für die Soldaten erworben wurden: Pakete mit Lebens- und Genussmitteln, Kleidung, Büchern und Gebrauchsartikeln von der Seife bis zum Taschentuch. Also alles, was das harte Leben an der Front ein wenig erträglicher zu machen versprach. (Weiterlesen: Geschichten aus der Region: Themenseite Hus un Heimat)

Geschäftsausschuss für Liebesgaben

Delmenhorst sollte da nicht nachstehen, und so bildete sich in der Stadt ein „Geschäftsausschuss für Liebesgaben“, der eine ähnliche Aktion mit Öffentlichkeitswirkung vorbereitete. Als Objekt für die Nagelung wurde das Delmenhorster Stadtwappen auserkoren. 1,20 mal ein Meter maß der hölzerne Schild, für den eigens ein kleiner Holzpavillon auf dem Rathausplatz aufgestellt und festlich geschmückt wurde. In Zeitungsanzeigen wurde für die Auftaktveranstaltung der mehrtägigen Aktion geworben.

Erschwingliche Nägel für jedermann

Vereine, Institutionen und Einzelpersonen hatten nun die Möglichkeit, ihre Unterstützung der Soldaten mit dem Erwerb eines Nagels öffentlich zu bekunden. Unterschiedliche Preiskategorien machten die Teilnahme für alle erschwinglich: Während für einen großen goldenen Nagel 200 Mark und für ein kleineres Exemplar 50 Mark an den Ausschuss zu entrichten waren, konnte ein silberner Nagel für 1,50 Mark und ein eiserner für 50 Pfennig erstanden werden.

Für angesehene Bürger, bekannte Unternehmen, Stadtrat und Magistrat sowie Vereine vom Turnverein Jahn bis zum Reserve- und Landwehrverein war es Ehrensache, die patriotische Gesinnung durch den Kauf eines Nagels unter Beweis zu stellen. Noch heute sind die eingravierten Namen auf vielen der Nägel zu lesen, denn das hölzerne Wappen ist erhalten geblieben: Es ist Bestandteil der Dauerausstellung im Stadtmuseum auf der Nordwolle.

Am Mittag des 14. Mai 1916, einem Sonntag, wohnten zahlreiche Schaulustige dem Beginn der Nagelung auf dem Marktplatz bei. Am Ende hatte der Geschäftsausschuss für Liebesgaben einen Reinerlös von 8000 Mark erzielt.