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„Man muss sich neu erfinden“ Wie eine Delmenhorster Familie mit dem Tod umzugehen lernt

Von Thomas Breuer | 14.11.2015, 07:32 Uhr

Die Diagnose Leukämie, sie kam für Belinda Stubbe wie aus dem Nichts und veränderte alles. Letzte Hoffnung war eine schon terminierte Stammzellentransplantation. Doch die Kraft, sie reichte einfach nicht mehr.

Der Tod, er war kein Tabuthema zwischen Belinda und Peter Stubbe. Immer wieder mal, in größeren Abständen, hat das Ehepaar darüber gesprochen, was wäre, wenn der andere plötzlich nicht mehr wäre. Für sie stand fest: „Ich werde das Leben weiter genießen und mich als Frau weiterentwickeln.“ Er legte sich fest, nicht dauerhaft allein bleiben zu wollen. Seine Frau zeigte Verständnis.

Leukämie in ihrer aggressivsten Form

Um die vergangene Jahreswende herum ging es Belinda nicht gut. Sie, die Radfahrerin, der immer aktive Mittelpunkt der Familie, war erkältet. Eine Mittelohrentzündung kam dazu und die 55-Jährige über Wochen nicht mehr so richtig in Gang. Auf dem Fahrrad fehlte ihr ungewohnt schnell die Kraft. Beim Hausarzt wurde festgestellt, dass die Blutwerte nicht stimmten, ein gründlicher Gesundheitscheck im St.-Josef-Stift sollte folgen. Die Diagnose, die Ende März feststand, war ebenso unerwartet wie niederschmetternd: Leukämie in ihrer aggressivsten Form.

Viele Gedanken über Therapie gemacht

Belinda sollte ihr Zuhause nicht noch einmal wiedersehen. Vom St.-Josef-Stift führte ihr Weg mit dem Krankenwagen direkt in die Onkologie des Klinikums Bremen-Mitte.

Die Hoffnung, dass alles noch gut werden könnte, Familie Stubbe wollte sie nicht aufgeben. Peter bereitete der Schicksalsschlag zwar schlaflose Nächte, doch er begann zu fragen und sich zu informieren: Könnte anderorts eine noch bessere Behandlung erfolgen? Welche Therapie wäre die bestmögliche?

Das wirkte sich auch auf seinen Berufsalltag in der Bremer Kfz-Branche aus. Peter weihte seinen Chef ein und stieß auf großes Verständnis, bekam die notwendigen Freiräume. „Den Kollegen habe ich nichts gesagt, ich wollte nicht von allen als der Mann mit der kranken Frau gesehen werden.“

Im Internet viel über das Krankheitsbild gelesen

Tochter Daniela las parallel viel im Internet über das Krankheitsbild, suchte nach Anregungen, die Besserung versprachen. Am Ende kamen Belinda, Peter und Daniela Stubbe überein, dass die Versorgung in Bremen gut und geeignet wäre, zumal der verantwortliche Klinikdirektor Professor Dr. Bernd Hertenstein zuvor selbst an der Medizinischen Hochschule Hannover tätig gewesen war, die als eine Alternative in Frage kam.

Warum es Belinda überhaupt so hart traf, verstehen kann ihre Familie das bis heute nur schwer. „Sie war immer fit, immer aktiv, hat gesund gelebt und sich gesund ernährt“, sagt Peter. Aber: Sie war auch schon zweimal an Brustkrebs erkrankt, im Abstand von zehn Jahren. Noch Ende 2014 hatte Belinda gewitzelt: „Bald sind meine zehn Jahre wieder rum.“ Die Hoffnung, dass sie gesund bleiben würde, war dennoch allgegenwärtig. Doch das Gegenteil trat ein, mit voller Wucht. Belinda sollte es später mit ihren eigenen Worten kommentieren: „Schenk mir doch einen Brustkrebs oder einen Magenkrebs, den kann man wenigstens rausschneiden.“

Ein geeigneter Stammzellenspender war gefunden

Bei einer Leukämie ist das nicht möglich, allenfalls eine Stammzellentransplantation. „Ich hätte ihr gerne geholfen“, sagt ihre Schwester Michaela Wollnitz, die sich bereits vor 15 Jahren typisieren lassen hatte. Aber es passte nicht. Doch plötzlich kam große Hoffnung auf: Belindas Bruder war als Spender geeignet!

Als Termin für die Stammzellentransplantation wurde der 31. Juli festgesetzt. Belindas Gesundheitszustand hatte sich gut zwei Wochen vorher aber noch einmal verschlechtert. Sie wurde auf der Intensivstation betreut, die Ärzte sprachen deshalb in einer sachlichen Einschätzung von einer lediglich 20-prozentigen Erfolgschance. Was sie aber auch sagten, ist der Familie im Gedächtnis geblieben: „Es gibt Fälle, in denen das trotzdem funktioniert.“

Bei Belinda funktionierte es nicht, denn ihr geschwächter Körper schaffte das Aufbäumen nicht mehr, versagte nach und nach den Dienst, eine in diesem Stadium nicht seltene Lungenentzündung kam hinzu. Fünf Tage vor der geplanten Übertragung von Stammzellen starb Belinda mit nur 55 Jahren. Die Familie hatte die Apparaturen, die allein sie noch am Leben erhielten, abstellen lassen.

Gegen ein Dasein an der Maschine entschieden

„Ich hätte sie noch an den Maschinen lassen können“, sagt Peter. „Sie hat uns die Entscheidung abgenommen, weil die Organe immer mehr versagten“, sagt Daniela. Beide waren der Überzeugung, dass alles Menschenmögliche versucht worden war, Belinda zu helfen, und ließen sie gehen.

Es stellte sich als gut und richtig heraus, dass Belinda und Peter den Tod schon zu Lebzeiten immer wieder thematisiert hatten. „Wir waren uns einig, nie nur allein von Maschinen abhängig sein zu wollen“, sagt Peter. Und dennoch: „Dir wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Du bist immer am Weinen.“

Reden, um bestehen zu können

Peter hat gemerkt: Er muss reden, um in den wohl schwierigsten Stunden seines Lebens bestehen zu können. Nicht immer einfach für einen Mann von 58 Jahren. Inzwischen hat er festgestellt, wie ihm Gespräche helfen, auch solche mit seinem Hausarzt, der ihm riet, wieder mehr unter Menschen zu gehen. Peter weiß, was das Schicksal von ihm verlangt: „Man muss sich neu erfinden.“

Dazu gehörte für ihn nach Belindas Tod auch seine neue Art der Offenheit, mit allen Konsequenzen. „Viele“, sagt er, „waren schockiert, wie offen ich mit allem umgehe, was passiert ist.“

Die kleinen Botschaften, sie fehlen plötzlich

Daniela wusste von jeher, was sie an ihrer Mutter hatte. Plötzlich fehlten sie, die gesprochenen Worte, aber auch die kleinen Botschaften auf dem Smartphone. Oft hatte Belinda ihr einen guten Start in den Tag gewünscht. Wenige Tage, nachdem sie nicht mehr da war, wurde Daniela 30. „Das soll ich dir von Mama geben“, sagte ihr Vater, als er ein Geschenk überreichte. „Einen schlimmeren Geburtstag kann man sich nicht vorstellen“, sagt Daniela.

Belinda fehlt. Ihrer Familie, ihren Freunden und Bekannten und auch in der Städtischen Galerie Haus Coburg, wo sie über fast anderthalb Jahrzehnte eine Art Schnittstelle zwischen den Künstlern und der Hausleitung ausfüllte.

Viele Spenden anlässlich der Beerdigung

Doch wie vielen Menschen die Verstorbene etwas gegeben hat, zeigt sich auch an den Spenden, die zur Beerdigung eingingen. Einen Scheck über die Gesamtsumme von 2000 Euro überreichten Peter und Daniela Stubbe sowie Michaela Wollnitz Anfang Oktober im Klinikum Bremen-Mitte. Von dem Geld sollen Fitnessräder für schwer an Krebs erkrankte Menschen gekauft werden, die ihr einer Isolierstation gleichendes Zimmer aus Selbstschutz nicht verlassen dürfen. Dort, wo selbst Angehörige nicht ohne Weiteres rein oder raus dürfen, sollen sie denen, die körperlich dazu bereit sind, etwas Abwechslung bringen.

„So eine hohe Spende bekommen wir nicht oft“, zeigte sich der Klinikdirektor dankbar. Er versprach, das Geld im Sinne der Verstorbenen auszugeben. Ganz so, wie es sich Belinda Stubbe gewünscht hätte.