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Markus Weise im Interview Ein Delmenhorster zwischen Ulk und Berufung

Von Frederik Grabbe | 12.07.2015, 22:58 Uhr

Markus Weise ist wohl den meisten Delmenhorstern als Komiker, Schauspieler oder Moderator bekannt. Doch was möglicherweise wenige wissen: Neben dem Ulk hat sich Weise der Pädagogik verschrieben. An den BBS II unterrichtet er unter anderem Schüler im Berufsvorbereitungsjahr, die an anderen Schulen keinen Abschluss geschafft haben und teilweise straffällig geworden sind. Ein Gespräch über Zeitplanung, Rekorde und Berufung.

 Herr Weise, bei ihren Auftritten sind Sie immer in grell-karierte Kostüme gekleidet. Warum eigentlich? Reicht der Witz allein nicht aus? 

Markus Weise: Ich weiß gar nicht mehr, wie das zustande kam. Als Kind der 90er bin ich mit den Doofen aufgewachsen. Letztens habe ich mit Erschrecken festgestellt, dass ich immer noch das Lied „Mief“ mitsingen kann. Ich fand Wigald Boning immer gut und der war auch immer grell gekleidet. Irgendwann bin ich über solch ein Stück Stoff gestolpert. Auf der Bühne trage ich bei Auftritten gerne 70er-Jahre-Hemden mit großem Kragen und Schlaghosen.

 Ihr Portfolio ist sehr breit. Sie sind Komiker, Büttenredner, Schauspieler und Sänger. Derzeit besuchen Sie auch noch die Clownsschule in Hannover. Woher nehmen sie all die Zeit? 

Jede Sekunde zählt doppelt. Also hat der Tag 48 Stunden. Nein, es kommt darauf an, sich den Tag gut einzuteilen. Das ist etwas, was ich in der Tischlerlehre gelernt habe: Zeitmanagement. Wann mache ich was, damit ich nach acht Stunden meine Aufgaben bewältigt habe? Aber beim Theater plant man ohnehin sehr langfristig. Ich kann Ihnen heute genau sagen, was ich am 29. Mai 2016 machen werde.

 Nämlich? 

Da stehe ich bei der Premiere des niederdeutschen Stücks „Kasimir un Karoline“ im Staatstheater Oldenburg auf der Bühne. Ich weiß auch, dass ich in den sechs Wochen zuvor fünf Mal die Woche Proben haben werde. Ich kann also gut planen.

 Vor Kurzem haben Sie den Titel als weltweit schnellster Witze-Erzähler verloren. Erobern Sie den Titel zurück? 

Ja. Das ist der Plan. Aber ich kann noch nicht darüber sprechen. Aber vermutlich wird es im Herbst einen Versuch mit einer Jury geben.

 Der Verlust hatte ein enormes Medienecho zur Folge. Sogar die Times aus London klopfte bei ihnen an. Hat Sie das überrascht? 

Schon. Es erschien ja auch in der Süddeutschen Zeitung ein Text, und verschiedene Radiosender haben angefragt. Das war schon überraschend. Zumal das Interesse größer war, als damals, als ich den Titel nach Deutschland geholt hatte. Aber das hat mich angepiekst. Ausgerechnet ein humorloser Brite hat mich geschlagen (lacht). Der Titel muss zurück nach Deutschland.

 Wie trainiert man denn schnelles Witzeerzählen?  

Ein Witz muss aus einem einleitenden Satz und einer Pointe bestehen. Und die müssen möglichst kurz sein. Ein Witz wie solcher dauert nur zwei Sekunden: „Wie nennt man einen griechischen Feldwebel? Gyrosspieß.“ Es kommt auch auf Atemtechnik an. In der Probe hat es schon geklappt. Da habe ich 30 Witze in einer Minute erzählt. Vier mehr als der Rekordhalter. Aber an sich ist das kein besonderes Talent.

 Hauptberuflich sind Sie ja Lehrer. Wie ist es, als Komiker vor der Klasse zu stehen?  

Als Lehrer ist man immer irgendwie Autoritätsperson. Klar sprechen sie mich an, wenn sie mitbekommen haben, dass ich einen Auftritt hatte. Aber sie bleiben respektvoll. In den Klassen verteile ich am Halbjahresende Feedbackbögen. Einige Schüler haben einmal geschrieben: „Herr Weise ist gar kein Lehrer, eher wie ein Kumpel, der etwas erklären will.“ Das war ein großes Kompliment für mich, weil ich mich eher als Sozialarbeiter sehe.

 Ihre Schülerschaft in der Berufsvorbereitung gilt ja nicht als die leichteste. 

Ich unterrichte zehn Stunden die Woche Schüler im Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) an der BBS II. In der Regel sind das Schüler mit hohem Förderbedarf, die auf allgemeinbildenden Schulen keinen Abschluss geschafft haben. Der Grund dafür kann sein, dass sie zu oft unentschuldigt fehlten, sie nicht genügend Deutsch sprechen, weil ein Migrationshintergrund vorliegt oder weil sie straffällig geworden ist.

 Wie gehen Sie mit solchen Schülern um? 

Erst in Gesprächen mit dem Schüler oder den Eltern erfahren wir, wo der Schüler herkommt, wie er sozial aufgewachsen ist und dass die Eltern bei der Erziehung möglicherweise alleine gelassen worden sind. Zum Beispiel, wenn der Jugendliche süchtig oder straffällig war. Ich versuche, Schülern auf Augenhöhe zu begegnen. Ich will ja nichts Böses, im Gegenteil. Ich bin ein Wegbegleiter, der weiterhelfen möchte. Mein Ziel ist es zu vermitteln: „Du kannst etwas, auf das du stolz sein kannst.“ Am liebsten würde ich dies mit einem Theaterprojekt tun, dass von vorne bis hinten von Schülern der BVJ und der BBS II stammt. Von der Maske zu den Kulissen bis zum Schauspiel. Das Ergebnis so eines Projektes gibt Schülern unheimlich viel. Da dürfen wir nicht klein denken. Damit will ich mindestens ins Kleine Haus. Das ist mein großer Traum.

 Das klingt nach viel Arbeit. Wie weit geht Ihr persönliches Engagement?  

Bei mir erhalten alle Eltern meine private Telefonnummer. Und wenn sie anrufen, wenn ich zuhause mit meiner Frau Kaffee trinke, dann ist das eben so. So verstehe ich meinen Beruf. Und ich habe damit noch keine schlechten Erfahrungen gemacht.

 Hilft die Komik oder das Schauspiel bei der Arbeit als Pädagoge? 

Nehmen wir das Beispiel Theaterpädagogik. Gerade im BVJ nutze ich Übungen zur Gruppenbildung aus diesem Bereich. Zum Beispiel, wenn die Schüler in einer Reihe aufgestellt einen Stab auf den Fingern balancieren und gemeinsam auf dem Boden ablegen sollen. Rollenspiele eignen sich für viele Themen. Oder das Thema Zeitmanagement: Ich habe eine Uhr, die im Unterricht rückwärts läuft. Für den Schüler ist dann klar: „Ich muss die Aufgabe in 18 Minuten erledigt haben.“ Sie müssen sich also genau überlegen, wie sie das schaffen und ihre Schritte planen.

 

 Sie unterrichten auch am Beruflichen Gymnasium, an der Berufsfachschule Holztechnik und bei den Delme-Werkstätten arbeiten Sie mit Mensch mit Beeinträchtigungen. Was sind Sie denn jetzt eigentlich? Eher Künstler? Oder eher Lehrer? 

Da halte ich es mit Loriot, der sinngemäß gesagt hat: „Die berufliche Frage ist bei mir noch ungelöst.“ Mein Problem ist: Ich interessiere mich für ziemlich alles. Wenn mich jemand fragt: „Markus, kannst du das machen?“, dann mache ich es – egal was es ist. Mit dem, was ich tue, lebe ich ganz gut. Auch wenn es viel ist.