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Mechanismen der Macht Schauspiel in Delmenhorst zeigt Luther in anderem Licht

Von Jasmin Johannsen | 13.05.2017, 20:05 Uhr

Die Machtstrukturen sind seit 500 Jahren die gleichen: Wie eng Kirche, Politik und Wirtschaft schon zu Zeiten der Reformation verwoben waren, ist jetzt im Kleinen Haus deutlich geworden.

„Das Geld meiner Untertanen gehört in meine Tasche, das bin ich meinem Volk schuldig!“ – Mit markigen Sprüchen zeigte Dieter Fortes Welterfolg „Martin Luther und Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung“ am Freitagabend im Kleinen Haus, dass auch schon vor 500 Jahren nur eines die Welt regiert hat: Geld. Das Schauspiel, 1970 erstmals aufgeführt, verblüffte die rund 300 Zuschauer mit seiner Aktualität und ließ den Menschen Luther im Jubiläumsjahr der Reformation in keinem rumreichen Licht erscheinen.

Spielball der Mächtigen

Als Spielball der Mächtigen, so wird der Reformator (von Thomas Henniger von Wallersbrunn facettenreich gespielt) in Fortes Doku-Drama dargestellt. Er würde alles tun für eine neue Kutte: Seine Thesen widerrufen oder standhaft bleiben. Die Entscheidung liegt nicht bei Luther, sondern bei seinem reichen Fürsprecher Friedrich III., Kurfürst von Sachsen (Marcus Born), der ihn als Druckmittel gegen Feinde und für seine Ziele einsetzt. Sogar vor dem Verrat an seinen alten Mitstreitern Thomas Münzer (Jörg Pauly) und Karlstadt (Gregor Eckert) schreckt Luther im Laufe des Stückes nicht zurück.

Schuldner tanzen wie Marionetten

Ob Geistliche oder weltliche Herrscher, sie alle sind korrupt. „Sie haben nicht zufällig einen Tausender dabei?“, lautet die typische Frage des alternden Kaisers Maximilian (Reinhard Froboess). Auch sein Enkel und Nachfolger Kaiser Karl (Richard Erben) hat nur die Vermehrung seiner Besitztümer im Sinne. Sogar der Papst ist dafür bekannt, dass er in Geldangelegenheiten als unfehlbar gilt. Sie alle intrigieren gegeneinander und kämpfen um die weltweite Vorherrschaft, übersehen dabei aber, dass die Macht einzig und alleine bei Bankier Jakob Fugger (Jan Uplegger) liegt, der seine berühmten Schuldner wie Marionetten tanzen lässt und das Kapital gegen das aufrührerische Volk einsetzt.

Volle Schlagkraft nicht entfaltet

Ein hochpolitisches Stück, das die Machenschaften der Mächtigen entblößt und scharfe Kritik sowohl an Luther, als auch an der Institution „Kirche“ und dem Kapitalismus übt. Mit einfachsten Mitteln wurde der große Stoff, das Schauspiel umspannt die Jahre 1514 bis 1525, auf die Bühne geholt. Die schnellen Zeit- und Ortwechsel, die dadurch immer wieder von Nöten wurden ließen dem Publikum dabei kaum Gelegenheit sich in die komplexe Handlung einzufinden. Seine volle Schlagkraft konnte das bissige Lehrstück über die Mechanismen der Macht deshalb nicht entfalten.