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Meta-Denkraum gegen Populismus Wachsende Vielfalt im HWK Delmenhorst

Von Kai Hasse | 05.06.2018, 19:00 Uhr

65 Wissenschaftler aus 17 Staaten haben im vergangenen Jahr beim Hanse-Wissenschafts-Kolleg in Delmenhorst geforscht. Für den Leiter Reto Weiler ist das ein ermutigendes Bild des bunten, fachübergreifenden Denkraums, den das HWK schaffen will. Das nahm er zum Anlass, die Arbeit des HWK auch als Gegenentwurf zur in der Politik populistisch missbrauchten Vereinfachung von Themen darzustellen.

Noch Monate nach der Einschätzung des Wissenschaftsrates, dass das HWK herausragende Arbeit als „Institute for Advanced Study“ (IAS) leiste, „sonne“ sich das Team immer noch in dem Lob, sagt Reto Weiler bei einer Präsentation des Jahresergebnisses. Das sei ein maßgebliches Ereignis gewesen – und dazu dann auch die finanzielle Sicherung des HWK durch den Wissenschaftsrat für die kommenden zehn Jahre. Und das Haus hat sich erweitert: Ein neuer Bau im rückwärtigen Teil des Geländes ist fertig geworden und wird derzeit eingerichtet. Bis zu maximal 22 Fellows können nun gleichzeitig in Delmenhorst forschen.

„Metaebene“ der Forschung als Kern

Ein Kernpunkt des HWK ist für Weiler die „Metaebene“ der Forschung – also der übergeordnete „Blick von oben“ auf die einzelnen Fachebenen der Wissenschaftler. Dadurch werden Verbindungen unter den Wissenschaftsbereichen möglich, und Zusammenhänge der Themen werden darstellbar. Einen „Denkraum“ nennt Weiler das, einen „disziplinären Brückenschlag zwischen Natur-, Technik, Sozial- sowie zunehmend auch Geisteswissenschaften und Künsten“. Praktisch sieht das buchstäblich häuslich aus: Fellows treffen sich, ob beim Film- oder Kochabend, am Kaffeeautomaten oder im gemeinsam genutzten Büro. Sie tauschen sich aus, und weil etwa 30 bis 40 Prozent der Fellows mit Familie kommen, lernen sich auch Familienmitglieder kennen. Themen sind die Wissenschaftsbereiche, und so entwickeln sich im legeren Gespräch Ideen, wie Aussagen oder Fragen der Wissenschaftler in einen Zusammenhang gestellt werden können, statt strikt im fachinternen Themenkreis zu bleiben.

Gegen populistische Vereinfachung

Das werde auch immer wichtiger: Die zunehmende Komplexität innerhalb der einzelnen Fachbereiche sorge dafür, dass wissenschaftliche Ergebnisse zu schnell „von populistischen Rattenfängern“ allzu vereinfacht widergegeben und so für politische Zwecke missbraucht würden – weil sie nicht im Kontext ihrer Auswirkungen auf andere wissenschaftliche und gesellschaftliche Bereiche gesehen werden. „Deshalb braucht es diese Metaebene, die Synthesen zwischen den Fachbereichen schaffen – die aber nicht einfache Lösungen sind“, so Weiler.

Mehr Raum in Neubau

Dabei wird die Herkunft der Fellows immer bunter, was Weiler zunehmen freut. Nicht mehr nur die in der Wissenschaft traditionell prominenten Nationen treffen sich. Die Liste der Fellow-Herkunft wird weiter klar von Deutschland und den USA dominiert, aber es sind auch Wissenschaftler aus Chile, Indien, Libanon, Mexiko oder Südafrika dabei. 65 waren im vergangenen Jahr am HWK und forschten an verschiedenen „Study Groups“ wie Hirn, Erde, Energie, Gesellschaft, Post-Doc, Kunst und Geisteswissenschaften und Gesellschaft. 2017 gab es 33 Frauen und 32 Männer, zum zweiten Man nach 2015 mehr Frauen als Männer. Bei 70 Veranstaltungen hat das HWK öffentlichen Publikum eingeladen. Neu in diesem Jahr ist der Neubau im rückwärtigen Teil des HWK: In dem Bau gibt es zwei Büros für jeweils zwei bis drei Arbeitsplätze und ein größeres Konferenzzimmer. Das HWK verfügt derzeit über 21 Apartments in unterschiedlicher Größe.