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Migranten aus Oberschlesien Arbeiter suchten ihr Glück im fernen Delmenhorst

Von Dirk Hamm | 24.09.2016, 11:45 Uhr

Sie stehen exemplarisch für viele katholische Migranten, die Ende des 19. Jahrhunderts der Arbeit wegen ihre zu Preußen gehörende oberschlesische Heimat verlassen und ihr Glück im fernen Delmenhorst gesucht haben: Theodor Kraschon und seine spätere Ehefrau Marie, geborene Hamerla, reihten sich in das Heer junger Arbeitskräfte ein, die in den aufblühenden Delmenhorster Fabriken benötigt wurden.

Rund 125 Jahre später hat sich der Urenkel der Geschichte seiner Vorfahren und der nachfolgenden Generationen wissenschaftlich gewidmet: Dr. Michael Hirschfeld, Privatdozent für Geschichte an der Universität Vechta, beleuchtet im aktuellen Jahrbuch der Oldenburgischen Gesellschaft für Familienkunde den Werdegang der Familie Kraschon als Fallbeispiel für „Arbeitsmigranten aus dem Osten und ihre Integration in Delmenhorst“.

Forschungslücke mithilfe von Detektivarbeit geschlossen

„Kleinbürgerliche Schichten, dazu aus dem Fabrikarbeitermilieu, gerieten als Individuen mit ihrer spezifischen Migrationsgeschichte bislang kaum in den Blick der Forschung“, merkt der Historiker in seiner Einleitung an. Eine Lücke, die Hirschfeld nun im Ergebnis jahrelanger Detektivarbeit ein Stück zu schließen vermag.

Ab 1886 kamen viele Arbeitskräfte aus Oberschlesien

Mithilfe der systematischen Auswertung der erhaltenen Melderegister der Stadt hat Hirschfeld ermittelt, dass im Zuge einer zweiten Zuwanderungswelle ab 1886 in zunehmendem Umfang Fabrikarbeiter aus Oberschlesien angeworben wurden. Unmittelbar nach der Gründung der Nordwolle-Fabrik 1884 waren es vor allem Arbeitskräfte aus Böhmen, die rekrutiert wurden. Ab der Jahrhundertwende stieg dann vor allem der Anteil der Polen und Ukrainer an den Arbeitsmigranten.

Bindung im eigenen katholischen Milieu gesucht

In der Anfangszeit sei ein Pendeln zwischen der Heimat und verschiedenen Arbeitsorten für die erste Generation oberschlesischer Zuwanderer typisch gewesen, arbeitet Michael Hirschfeld heraus. Die dauerhafte Sesshaftigkeit bewirkte dann die Bindung, die im eigenen katholischen Milieu gesucht wurde: „Interregionale Mischehen waren ebenso selten wie interkonfessionelle Mischehen, die es bei Migranten aus anderen Herkunftsregionen durchaus häufiger gab.“ So verhielt es sich auch bei Theodor Kraschon und Marie Hamerla, die am 23. April 1899 in der St.-Marien-Kapelle am Westergang getraut wurden.

Sozialer Aufstieg in der zweiten Generation

Bildung, Hausbau, Geschäftsgründung: Diese Bausteine erfolgreicher Integration ermöglichten so manchen der Arbeitsmigranten wenigstens in zweiter und dritter Generation den sozialen Aufstieg. So konnte Robert Kraschon, Sohn des zugewanderten Fabrikarbeiters, sich in den 20er Jahren selbstständig machen und das Elternhaus an der Düsternorter Straße zu einer Bäckerei, ab 1957 mit Café, umbauen. Diese existiert noch heute, seit 1983 im Besitz der Familie Gramberg.