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Miteinander statt Mission Flüchtlinge erleben Weihnachten in Delmenhorst

Von Thomas Breuer | 24.12.2016, 09:39 Uhr

Mancher Flüchtling aus einem weit entfernten Kulturkreis erlebt in diesem Jahr in Delmenhorst sein erstes Weihnachtsfest.

Vor einem Jahr kam Weihnachten zu kurz. Als die ersten Flüchtlingsbusse Delmenhorst erreicht hatten, ging es darum, den Menschen überhaupt ein Dach über dem Kopf zu bieten. In etlichen Fällen war es das einer Sporthalle.

Weihnachtliche Atmosphäre im Kasernengebäude

Inzwischen lebt in Delmenhorst keiner mehr in Hallen. Viele der entwurzelten Menschen sind in Wohnungen untergebracht, andere noch in Gemeinschaftsunterkünften. So wie in den Kasernengebäuden, die die Bundeswehr in Adelheide freigegeben hat. Dort wurde jetzt Weihnachten gefeiert. Anfang dieser Woche hatte Gabi Baumgart, die die Einrichtung, in der zurzeit 160 Personen leben, für die Awo leitet, mit ihrem Team zur Zusammenkunft eingeladen. Fast 60 Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen kamen.

„Schneeflöcken, Weißröckchen“ auf Liederzettel

Das erste Weihnachten in Delmenhorst war für viele die erste Begegnung mit dem Weihnachtsfest überhaupt. „Dabei ging es uns vor allem um die Symbolik und das Beisammensein“, erklärt Baumgart, „nicht darum, ob jemand Christ oder Moslem ist.“ Das galt auch für die Auswahl der Weihnachtslieder, bei denen etwa „Schneeflöcken, Weißröckchen“ auf dem Liederzettel stand und „O du fröhliche“. Miteinander statt Mission.

Über Weihnachtsbräuche vorab aufgeklärt

Baumgart und ihre Stellvertreterin Yvonne Uschkurat sprechen von einer sehr schönen Atmosphäre, die nicht nur durch einen geschmückten Tannenbaum geprägt gewesen sei. Im wöchentlichen Café Capuccino war bereits vorab über Weihnachtsbräuche informiert worden. Warum werden Bäume in die Stube geholt und geschmückt? Was hat es mit dem Weihnachtsmann auf sich? Das wussten zwar manche schon, aber eben nicht alle, die aus weit entfernten Winkeln der Welt stammen.

Für das Eintauchen in eine neue Welt gehörte für eine ganze Anzahl von Flüchtlingen diesmal auch der Besuch des Delmenhorster Weihnachtsmarktes dazu. Und einige taten es vielen Ur-Delmenhorstern gleich: Sie suchten auch weiter entfernte Märkte auf. In Erinnerung ist den Betreuerinnen das Foto, das eine Familie ihnen stolz zeigte: der Nachwuchs auf dem Schoß eines Weihnachtsmannes in Hannover.

Kopftuch schon bei einigen tiefer gerutscht

Ein Helfer mit roter Mütze und weißem Bart verteilte auch auf der Feier für die Flüchtlinge kleine Geschenke für die Kinder. Dabei handelte es in den meisten Fällen um gespendetes, gut erhaltenes gebrauchtes Spielzeug in schöner Verpackung.

Allgemein ist laut Baumgart eine klare Entwicklung zu erkennen: „Die Flüchtlinge suchen sich die schönen Bräuche hier heraus und nehmen sie für sich an.“

Mit manchmal auch grundsätzlichen Folgen. Mehrere Frauen hätten ihre Verschleierung bereits aufgegeben, bei einzelnen anderen sei das Kopftuch auch auf der Weihnachtsfeier immer tiefer gerutscht.

Tanz verbindet auch auf Weihnachtsfeier

Weil die Flüchtlinge in den Kasernengebäuden nicht mehr zentral versorgt werden, sondern über eigene Kochmöglichkeiten verfügen, hatten viele selbst zubereitete Speisen zur Feier mitgebracht. Und irgendwann wich auch die weihnachtliche Begleitmusik Klängen aus den Heimatländern der Feiernden. „Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft haben Arm in Arm getanzt“, sagt Baumgart. Dies zu erleben, sei einfach schön gewesen.

Eine kleine hoffnungsfrohe Botschaft zum Fest der (Nächsten-)Liebe am Rande von Delmenhorst.