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Mordprozess um Ex-Pfleger Richter legt Niels H. umfassendes Geständnis nahe

Von Eyke Swarovsky | 22.01.2015, 11:36 Uhr

Der Mordprozess gegen den ehemaligen Delmenhorster Krankenpfleger Niels H. ist am Donnerstag vor dem Landgericht Oldenburg fortgesetzt worden. Der Richter setzt auf ein Geständnis des Angeklagten. Von Thomas Deeken und Eyke Swarovsky

Zu Beginn des Verhandlungstages richtete sich der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann an den Angeklagten. Er legte ihm nahe, ein umfassendes Geständnis abzulegen. Dabei wolle er den Angeklagten nicht drängen. Er erwarte kein Geständnis an diesem Tag und auch nicht am nächsten Verhandlungstermin. Wichtig sei Bührmann nur, dass das Geständnis lückenlos ist und Niels H. nicht aus taktischen Gründen scheibchenweise Taten zugibt. Strafbarkeitsmäßig sei das Ende der Fahnenstange bereits erreicht – ob der Angeklagte gesteht oder nicht. „Im Zentrum steht hier die Wahrheitsfindung“, sagte Bührmann. Nichts wäre fataler, als wenn später etwas anderes herauskäme.

Gegenüber einem psychiatrischen Gutachter hatte der Angeklagte eingeräumt, für rund 30 Todesfälle in Delmenhorst verantwortlich zu sein . In 60 weiteren Fällen habe es Tötungsversuche gegeben.

Angeklagter sprach mit Mithäftlingen über Kaliumeinsatz

Neben diesem Gutachter wurde an diesem Verhandlungstag auch Prof. Georg von Knobelsdorff gehört. Von Knobelsdorff hatte als Gutachter am Klinikum Oldenburg bei mehreren Toten einen erhöhten Kaliumspiegel festgestellt. In sieben Fällen ist dort eindeutig von Fremdeinwirkung auszugehen . Zu den Untersuchungen in Oldenburg war es gekommen, weil Niels H. gegenüber Mithäftlingen mehrfach von einem Einsatz von Kalium gesprochen hatte. Trotz des Nachweises der erhöhten Kalium-Werte konnte Von Knobelsdorff keine eindeutige Verknüpfung zu Niels H. ziehen. Dass den Patienten das Kalium jedoch von Außen zugeführt worden sein muss, ist sicher. Unsicher hingegen ist, ob die Beibringung fahrlässig oder missbräuchlich geschehen ist.

Verfahrensverzögerungen werden geprüft

Als weiterer Zeuge sagte am Vormittag Heinz Günther Würdemann, Ex-Polizeibeamter aus Delmenhorst, aus. Er präsentierte Statistiken zu Todesfällen während der Dienstzeit von Niels H. Auffällig war dabei, dass deutliche Spitzen an gestiegenen Todesfällen zu erkennen waren. Weit über die 30 zugegebenen Fälle. Doch auch diese Spitzen seien nicht eindeutig dem Angeklagten zuzuordnen.

Richter Sebastian Bührmann fügte an, dass aktuell geprüft werde, ob es seit der ersten Tötungsanzeige gegen Niels H. Verfahrensverzögerungen gegeben habe. Sollte sich das bestätigen, könnte es dem Angeklagten positiv ausgelegt werden. In welcher Form, das ließ Bührmann offen.

Mithäftling will nichts mitbekommen haben

Nach der Mittagspause wurde ein 28-jähriger Mithäftling des Angeklagten aus der JVA Lingen in den Zeugenstand berufen. Der Mann hatte im Gefängnis mit Niels H. zusammengearbeitet. In der Befragung ging es vor allem darum, was der Zeuge zu dem Stichwort „größter Massenmörder der Nachkriegsgeschichte“ zu sagen hat. Diese Worte soll der Angeklagte mehrfach gegenüber Mitgefangenen benutzt haben. Der Zellennachbar von Niels H. sagte aus, nie etwas davon gehört zu haben. Zwar habe er davon gewusst, dass Niels H. Krankenpfleger war und wegen Mordes gegen ihn ermittelt werde. Der brisante Satz sei in seiner Gegenwart jedoch nicht gefallen.

Der Angeklagte äußerte sich an diesem Verhandlungstag bislang nicht. Eine Äußerung im weiteren Verlauf des Prozesstages gilt als unwahrscheinlich.

Der 38-Jährige Niels H. ist wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs angeklagt. Er soll von 2003 bis 2005 Patienten auf der Delmenhorster Intensivstation ein Medikament gespritzt haben, das schwere Herz- und Kreislaufprobleme verursachte. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft wollte er beweisen, wie gut er Patienten wiederbeleben kann. Später soll sein Motiv auch Langeweile gewesen sein.

Das Landgericht Oldenburg hatte den Pfleger 2008 wegen eines ähnlichen Falls zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Schon damals gab es den Verdacht, dass deutlich mehr Taten auf sein Konto gehen könnten. Seit November überprüft eine 15-köpfige Sonderkommission der Polizei alle Todesfälle an den früheren Arbeitsstätten des Mannes in Delmenhorst, Oldenburg, Wilhelmshaven und bei den Rettungssanitätern . Vor dem Gutachter hatte der Angeklagte allerdings angegeben, nur am Klinikum Delmenhorst Patienten getötet zu haben.

Der Prozess wird am 29. Januar fortgesetzt. Dann soll eine ehemalige Lebenspartnerin des Angeklagten gehört werden. Die Frau hat einen Antrag gestellt, die Öffentlichkeit von dem Termin auszuschließen. Ob diesem Antrag Folge geleistet wird, soll kurzfristig entschieden werden.