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Nach der Bluttat in Delmenhorst Nofallseelsorger Udo Dreyer: Die Seele schützt sich

Von Frederik Grabbe | 15.03.2016, 11:55 Uhr

Vor einer Woche ist an der Cramerstraße eine 46-jährige Frau mit einem Messer tödlich verletzt worden. An dem Abend der Bluttat war Pastor Udo Dreyer als Nofallseelsorger im Einsatz. Im Gespräch mit dem dk spricht er über Einsätze in Notfällen, wie es ist, eine Todesnachricht zu überbringen – und über Schutzmechanismen der Seele.

 dk: Herr Dreyer, Sie waren vor einer Woche bei dem tragischen Vorfall an der Cramerstraße im Einsatz. Wie war die Situation, als Sie den Ort erreichten?  

 Udo Dreyer: Die Polizei hatte den Bereich abgesperrt. Ich hatte meine Seelsorgejacke an, darum haben mich die Beamten gleich durchgelassen. Ich bin dann in den ersten Stock gegangen und habe dann die Nachbarn im Mehrparteienhaus betreut.

 Sie haben sich also nicht um die betroffene Familie selbst gekümmert?  

Nein, bevor ich eintraf, waren zwei weitere Notfallseelsorger vor Ort. Diese haben die Familie betreut.

 (Weiterlesen: Gegen Täter lag Anzeige vor) 

 Wie wurden Sie von dem Vorfall unterrichtet?  

Ich war gerade in Oldenburg beim Kartenspielen, als um 21.07 Uhr die Benachrichtigung von der Großleitstelle in Oldenburg auf meinem Funkmelder eintraf. Ich habe die beiden anderen Notfallseelsorger alarmiert, gegen 21.45 Uhr war ich dann vor Ort.

 Wie gehen Sie generell auf die Menschen in Notfällen zu? 

Ich stelle mich vor und sehe dann, was kommt. Es gibt stabile und labile Personen. Man muss erst einmal wahrnehmen, in die Gesichter sehen und schauen, wer am meisten traumatisiert ist. Entweder es kommt dann zum Gespräch oder man schweigt zusammen. Auch Schweigen kann helfen und verbinden.

 Wie macht sich denn ein Trauma bemerkbar?  

Das kommt auf die Person an. Die Seele schützt sich. Manche erstarren förmlich, andere verfallen in Hektik und tippen wie wild auf dem Handy herum, wieder andere lassen die Todesnachricht gar nicht erst an sich heran. Und einige nehmen eine bestimmte Gefühllosigkeit an. Gerade dann ist es wichtig, die Betroffenen anzusprechen. Am wichtigsten ist es, für den anderen da zu sein und viel Zeit zu haben.

 Wie oft kommen Sie denn als Notfallseelsorger zum Einsatz? 

2015 hatte ich insgesamt zwölf Einsätze. Am häufigsten betreue ich in häuslichen Notfällen, bei denen zum Beispiel ein Mensch plötzlich verstorben ist und wenn mit der Polizei eine Todesnachricht zu überbringen ist. Es waren aber auch vier Suizide dabei. Diese Fälle sind immer heftig und sehr schlimm. Ein Fall wie vergangenen Montag übrigens, wo also eine Straftat begangen wurde, hatte ich zuvor noch nie. Und ich bin seit 1998 Notfallseelsorger.

 Wie überbringt man eine Todesnachricht? 

Zunächst ist es wichtig, dass alle sitzen, nachdem man die Wohnung betreten hat. Dann sagen wir: „Wir haben Ihnen die traurige Mitteilung zu machen, dass XY verstorben ist.“ Da darf man nicht drum herumreden. Es muss deutlich werden, dass die betreffende Person verstorben ist und dann erläutern wir, wie es zum Tod kam.

 Das klingt jetzt aber sehr sachlich.  

Das muss es ja auch sein. Natürlich versuchen wir, die Nachricht schonend beizubringen. Manche Ärzte sagen: ,Man konnte nichts mehr für das Opfer tun‘. Das geht eigentlich nicht. So reagieren Angehörige nur mit Ungläubigkeit. Sie müssen realisieren und verstehen, was passiert ist. Wir müssen uns eines vor Augen halten: Wenn wir geklingelt haben, ist nichts mehr für die Familie, wie es mal war. Die ersten fünf bis zehn Minuten bedeuten den größten Stress für uns Notfallseelsorger.

 (Weiterlesen: Viele Notrufe im Oldenburger Land erfolgen ohne echte Not) 

 Apropos Stress: Gab es einmal einen Fall, der Sie besonders mitgenommen hat? 

Unfälle mit Kindern sind immer am schlimmsten. Einmal hat etwa ein Vater mit dem Radlader aus Versehen seinen vierjährigen Sohn überfahren.

 Wer kümmert sich um ihre Seele? 

Unter Notfallseelsorgern gibt es die sogenannte Supervision. Man unterhält sich mit anderen Seelsorgern oder einem Psychologen und redet sich im wahrsten Sinne seine Sorgen von der Seele. In der Regel denke ich noch einige Tage an den Einsatz und habe ihn dann quasi verarbeitet. Wenn ich nach Wochen immer noch an den Vorfall denke, merke ich, dass bei mir noch Gesprächsbedarf besteht.

 Gibt es eine Methode, sich davor zu schützen? 

Bei den Einsätzen versuche ich, mich vor schlimmen Bildern zu schützen. Wenn zum Beispiel ein Suizid auf dem Gleis begangen wurde und ich weiß, wo der Körper liegt, nähere ich mich nicht und schaue auch nicht hin.

 Ein dickes Fell nach all den Jahren schützt also nicht? 

Nein, ich brauche diese Schutzfunktion. Natürlich gewinnt man über die Jahre an Professionalität. Habe ich am Anfang noch einen Adrenalinschub vor einem Einsatz gespürt, gehe ich heute gelassener und strukturierter damit um. Aber die Anspannung bleibt.

 Macht es einen Unterschied, wenn Sie die Nachricht eines Selbstmords überbringen? 

Auch beim Suizid müssen die Umstände benannt werden. Wenn wir es nicht tun, wer tut es dann?

 Wie meinen Sie das? 

Als Notfallseelsorger stehen wir gewissermaßen im Wettlauf mit sozialen Netzwerken, mit Handynachrichten oder mit Anrufern, die sich von sich aus bei der Familie melden. Dies sollte man lassen. Eine Todesnachricht sollte wenn möglich, von einem Notfallseelsorger und auf jeden Fall immer persönlich überbracht werden.

 Reagieren Kinder in Notsituationen anders als Erwachsene? 

Kinder zeigen ihre Reaktionen unmittelbarer. Sie zeigen, was sie bewegt und fragen unbefangener. Erwachsene haben sozusagen einen Filter, der regelt, was sie rauslassen.

 Sie sind Pfarrer. Wie wichtig ist die Bibel in Momenten der Notfallseelsorge? 

Für mich persönlich gibt es das Stoßgebet an der Türschwelle, bevor ich eine Nachricht überbringe. Aber gerade im Landkreis wünschen viele eine Aussegnung im Haus. Das Gebet mit den Angehörigen schafft ruhige Momente und Abflüsse für den Stress.

 Das Gebet ist also ein Hilfsmittel für die psychische Bewältigung? 

Das ist mir zu technisch ausgedrückt. Immerhin sprechen wir über unseren Glauben. Aber das Gebet hilft, die Situation zu bewältigen.

 So wie Sie darüber reden muss ich Sie fragen: Macht Notfallseelsorge Spaß? 

Nein, soweit würde ich nicht gehen. Aber man wird hellsichtig dafür, was im Leben wirklich trägt. Man erhält eine schnelle Nähe zu fremden Menschen. Die Menschen mögen zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen sein. Aber ich war am richtigen Ort und konnte in einer akuten Situation helfen. Dieses Gefühl, gebraucht zu werden, gibt sehr viel zurück.