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Nach der Hyperinflation von 1923 Bauboom und Zerstreuung in den „Goldenen Zwanzigern“

Von Folkert Müller | 07.07.2018, 09:38 Uhr

Die Jahre 1924 bis 1929 sind als die „Goldenen Zwanziger“ in die deutsche Geschichte eingegangen. In Delmenhorst entstanden damals einige repräsentative Bauten.

Nach dem wirtschaftlichen Tiefpunkt 1923, dem Jahr der Hyperinflation, bis zum amerikanischen Börsencrash am 24. Oktober 1929 mit seinen globalen Erschütterungen erlebte Deutschland eine nicht für möglich gehaltene Blütezeit: die sogenannten Goldenen Zwanzigerjahre.

Rentenmark ersetzt die Reichsmark

In der riesigen Finanznot 1923 ist Ende November der US-Dollar 4,2 Billionen Deutsche Papiermark wert. Deutschland hat in dieser Zeit in dem Reichswährungskommissar Hjalmar Schacht ein „Finanzgenie“. Als Reichsbankpräsident sollte er nach 1933 die finanztechnischen Grundlagen schaffen für die massive deutsche Aufrüstung. Ende 1923 ersetzt Schacht die Reichsmark durch die neue Rentenmark. Dieses neue stabile Papiergeld stützt sich nicht auf die bisher geltende Grundlage Gold. Sie fundiert stattdessen auf Grund und Boden.

Impulse für den Ausbau der Industrie

1924 wirkt sich der amerikanische Dawes-Plan günstig aus. Er regelt die deutschen Reparationszahlungen. Parallel dazu wird Deutschland ein Darlehen von 800 Millionen Goldmark für die Rückkehr zur Goldwährung und zur Zahlung von Reparationen gewährt.

Diese Finanzspritze und der Einfallsreichtum deutscher Erfinder und Ingenieure ergeben gute Impulse für den Ausbau der Großindustrie. Die Anfänge der Automation wirken sich auch auf den Standort Delmenhorst positiv aus. Die Folge ist Vollbeschäftigung. Die Nordwolle-Fabrik profitiert zusätzlich davon, dass in den USA ein Überschuss an Baumwolle produziert wird, sodass dieser Rohstoff relativ billig für die Verarbeitung erworben werden kann.

Repräsentative Bauten entstehen

Diese „goldene Zeit“ entfacht eine beträchtliche private und kommunale Bautätigkeit – die Baugruben für die Fundamente wurden damals in mühsamer Arbeit mit dem Spaten ausgehoben. Neue Straßen entstehen. Im Stadtkern werden die schon vorhandenen repräsentativen Bauten – Amtsgericht und Rathaus – 1926 durch das Finanzamt und 1927 durch das Polizeigebäude ergänzt. Und im Jahr 1928 ist das Glanzexemplar des Stararchitekten für Backstein- und Klinkerbau Fritz Höger fertiggestellt: das Krankenhaus an der Wildeshauser Straße.

Stummfilme und Tanzlokale locken die Massen

Dieser kunstvolle Bau wirkt zusätzlich beeindruckend durch die davor liegende weite Rasenfläche. Die Stadtverordneten von Rüstringen (später mit Wilhelmshaven vereint) sind so begeistert, dass sie Höger den Auftrag geben, einen ähnlichen Prachtbau für ihr Rathaus mit einem hohen Turm zu entwerfen.

In dieser Zeit kommt die Vorführung von Stummfilmen in Mode. Dabei sorgt ein Klavierspieler für entsprechende Begleitmusik. Und Tanzlokale finden guten Zuspruch. Besondere Magneten sind Tanzlokale in Bremen, amerikanische Kapellen sorgen dort mit ihren Swing-Melodien für Furore.