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Nach Fehlgeburten in Delmenhorst Seelsorgerin: Die Wunde heilt, eine Narbe bleibt

Von Kai Hasse | 15.01.2019, 17:59 Uhr

Delmenhorst Wie Eltern Fehlgeburten erleben und wie sie sich damit auseinandersetzen, dazu spricht Krankenhausseelsorgerin Silvia Kramer im dk-Interview.

 dk: Frau Kramer, die ehemalige Chefärztin des JHD, Doktor Katharina Lüdemann, hat im vergangenen Jahr die Zahl der Stillen Geburten und Fehlgeburten auf 150 pro Jahr beziffert.

Silvia Kramer: Ja, die Zahl ist so noch richtig.

 Bei einem Verhältnis zu rund 900 Geburten pro Jahr am JHD ist das eine hohe Zahl...

Ja, es ist ein großer Anteil. Es kann sein, dass das auch durch viele Frauen mit Fluchterfahrung kommt. Diese Frauen haben zum Teil erhebliche Traumata gehabt – das kann die Zahl erhöhen.

 Was macht das mit Eltern?

Der Verlust eines Kindes ist nicht zu ersetzen. Das ist ein Trauma, das erstmal da ist. Emotional stellen sich die Körper der Mütter darauf ein. Bei Männern ist das manchmal anders. Deshalb können auch Beziehungen daran kaputtgehen. Und die emotionale Beziehung zum Kind ist auch eine andere: Frauen haben dieses Kind im Körper getragen, es war ein Teil von ihnen.

 Und Männer bauen eine Beziehung erst später auf?

Das ist unterschiedlich: Viele Männer nehmen sehr viel Anteil – legen ihr Ohr auf den Bauch, oder fühlen wie das Kind sich bewegt. Für beide Partner ist die Geburt eines Kindes erstmal ein Einschnitt: Vorher ging es eher um die Partnerschaft – nun vorrangig erst um das Kind. Wenn dann das Kind auch noch tot geboren wird, ist das noch dramatischer. Die normale Ordnung ist, dass Kinder ihre Eltern zu Grabe tragen, und nicht die Eltern die Kinder.

 Womit kämpfen Mütter emotional?

Mit Wut, Enttäuschung, Schuldgefühlen. Sie fragen sich, was sie falsch gemacht haben.

 Was für ein Verhältnis haben sie dann zu ihrem Körper?

Sie fragen sich beispielsweise, was mit ihnen nicht in Ordnung ist. Was läuft bei mir falsch, ist ein Gedanke. Das ist oft mit Schuldgefühlen belegt. Damit müssen sie sich vertraut machen, und versuchen, die Schuldgefühle abzulegen. Wenn das nicht gelingt, kann das in die Depression führen.

 Was hilft?

Es ist gut, dass wir jedes Jahr einen Trauergottesdienst haben für Sternenkinder. So haben Eltern einen Ort, zu dem sie gehen können. Es ist wichtig, die Trauer zu verorten. Viele lassen auch ein Bild ihres Kindes machen, damit sie sich besser mit dem Trauma beschäftigen können. Klar ist: Die Wunde kann heilen, aber es wird eine Narbe bleiben.

 Und was sollten Eltern noch tun?

Sie müssen den Schmerz bewusst durchleben. Manche fliehen davor, sie flüchten zum Beispiel in die Arbeit, verdrängen die Erfahrung. Aber die Bewältigung braucht Zeit – oder Seelsorge oder psychologischen Rat. Wir leben in einer Zeit der schnellen Kommunikation. Hier braucht es aber eine Auseinandersetzung, die die Paare in der Tiefe erreicht. Bestenfalls geht das mit dem Partner.