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Nach „Retro“-Schließung Wirte sorgen sich ums Delmenhorster Nachtleben

Von Kai Hasse | 06.01.2018, 13:26 Uhr

Oft vermisst wurde die Großraumdisco „Retro“ in der Silvesternacht. Deren Wegfall sorgte für Andrang in anderen Lokalitäten. Aber auch die Profiteure sehen darin nicht nur Gutes. Letztlich steht das Image Delmenhorsts als Party-Stadt auf dem Spiel.

Manuel Mutlu, der Besitzer der „Tanzbar“ direkt am Delmenhorster Markt, ist nach 14 Monaten des Bestehens der Bar recht zufrieden mit dem Besucherandrang. Es gebe eine feste Stammkundschaft, und eine Tendenz nach oben, auch seitdem das „Retro“ nicht mehr geöffnet hat. Aber generell umtreiben ihn Sorgen, wenn es um die geschlossene Großraumdisco geht. „Dadurch, dass das Retro fehlt, gehen die Leute möglicherweise gleich nach Bremen“, sagt er.

Vorglühen und Tanzen als Einheit

Der Knackpunkt, so beschreibt es Mutlu, ist die Paarung Vorglühen-Tanzen. Wenn einer der beiden Teile fehlt – in diesem Fall für eine große Zielgruppe der Tanz-Teil – falle auch das „Vorglühen“ weg. Denn: Zwischen einigen entspannten Drinks und dem Spaß auf dem Parkett wollen die Leute nicht Bahn fahren in die nächste Stadt. Also fahren sie zuerst Bahn, um dann in der nächstgrößeren Stadt, die beides bietet, vorzuglühen und dann direkt zu tanzen. „So verliert man insgesamt in einer Zielgruppe die Basis – und die Kohle geht nach Außerhalb“, fasst er zusammen. Er habe sich nicht gewünscht, dass das Retro zu macht, sagt er. Und das sende auch ein schlechtes Signal nach Außen. Dass es keine Großraumdisco mehr gebe, spreche sich herum. Man habe Delmenhorst nicht mehr als Ausgehstadt auf dem Schirm. Dabei sehe er auch mit seiner Tanzbar unter Beobachtung. „Wenn ich Erfolg habe, könnte noch jemand anders hinzukommen. Wenn ich krebse, wird sich keiner mehr ansiedeln.“

„Millennials“ bleiben eher zu Hause

Tarik Cirdi, Gastwirt im „Riva“ und zugleich Ortsvereinschef des Gaststättenverbandes Dehoga, sieht ebenfalls nicht grad optimistisch in die Zukunft. „Es ist schon traurig, wenn eine 80.000-Einwohner-Stadt keine Großraumdisco hat“, sagt er. Dadurch sei „eine Lücke bei einer gewissen Altersgruppe“ entstanden. Er gibt zu Bedenken, dass es durchaus schwer sei, einen Discobetrieb aufrechtzuerhalten – heute mehr denn je. „Wir sind eine Facebook-Gesellschaft geworden“, sagt er. Die potenziellen Gäste – gerade in der Altersgruppe der „Milliennials“ – würden nicht mehr so begeistert wie früher an den Wochenende rausgehen. Man verbringe mehr Zeit in kleinen Gruppen zu Hause, glaubt er. „Die Masse der großen Clubs wir dichtmachen“, sagt er, und „die kleinen Clubs werden überleben.“ Wer einen guten Club für jüngere Menschen haben wolle, müsse auch hingehen und dort sein Geld lassen – und damit dem Club die Überlebensgrundlage liefern.

Kein neuer Stand in puncto Retro

Im Jute-Center, in dem das „Retro“ war, plant Verwalter Christian Kistritz weiterhin eher Büro- und Praxisräume statt einer Disco. Zuvor hatte es Mieterstreitigkeiten gegeben, denn das Retro hatte, so hatte er es geschildert, ein Jahr lang keine Miete gezahlt, weshalb er der Lokalität schließlich das Wasser abdrehte, und es geschlossen werden musste. Derzeit habe sich an dem Stand, dass das „Retro“ dicht bleibt, nichts geändert.