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„Neue Musik in Delmenhorst“ „Klank“ improvisiert nicht nur auf Styropor

Von Jasmin Johannsen | 12.11.2018, 21:27 Uhr

Zum 49. Mal fand am Sonntagabend die Reihe „Neue Musik in Delmenhorst“ statt. Vor rund 80 Zuschauern gastierte deshalb das Bremer Musikaktionsensemble Klank mit surealen Kompositionen im Kleinen Haus.

„Bei denen weiß man nie, was kommt. Ich selbst weiß es auch nicht!“ Noch kryptischer hätte Hans-Joachim Hespos am Sonntagabend das Musikaktionsensemble „Klank“ wohl nicht ankündigen können. Das Bremer Quartett war ins Kleine Haus gekommen, um bei der 49. Ausgabe der von Hespos initiierten Reihe „Neue Musik in Delmenhorst“ aufzutreten. Neben der Violine, dem Kontrabass, dem Keyboard und der Gitarre bespielten Reinhart Hammerschmidt, Markus Markowski, Christoph Ogiermann und Tim Schomacker auch Sachen, Geräte und sogar den eigenen Körper. Die rund 80 Zuschauer zeigten sich vom kuriosen Zusammenspiel aus Klängen und Theatralik gleichermaßen überrascht und begeistert.

Ballons zerplatzen

Eine vergleichsweise harmlose Einleitung in den Abend bot die Uraufführung des Stückes „Kontrafagott Ètude“ von Seunghunn Yu. Der erst 22-jährige Student der Bremer Hochschule für Künste Dominik Relitz spielte sein Solo am Kontrafagott mal mit, mal ohne Mundstück. Eine Komposition, die das Publikum gemächlich auf den Abend einstimmte, aber auch aufrüttelte – gehörte doch das Zerplatzen von etlichen Ballons zum Stück.

Die darauffolgenden zwei Stunden gestaltete „Klank“ mit nur fünf Titeln. Ein fulminanter Auftakt gelang mit dem 18-minütigen „Violince“ von Anton Wassiljew. Auf dem Kontrabass wurde nicht nur im herkömmlichen Sinne gespielt, sondern auch getrommelt. Dazu Würgegeräusche, das Schnappen nach Luft und eine Improvisation auf Styropor. Das Quartett holte nicht nur aus seinen Instrumenten alles heraus, sondern auch aus sich selbst. Schwitzend und wie in Trance eilten sie von einem Geräuschmacher zum nächsten und brachten ihren eigenen Körper ein. Denn das Stück gipfelte nicht in einer pompösen Kadenz, sondern in einem handfesten und wortwörtlichen Schlagabtausch.

Hypnotische Wirkung

Geradezu hypnotisierend wirkte „PSK“ des Ensemblemitglieds Ogiermann. Die „Zeichenfolge für 4 verstärkte Mundspieler mit nassen Spiegeln und kaputten Ballon“ erinnerte zeitweise an das Summen eines Bienenschwarms, dann wieder mit albtraumhaften Sequenzen an die Akustik eines Horrorfilms. Das ensembleeigene „Meiner Gemeinschaftspraxis geht langsam die Luft aus“ verband dagegen Alltagsperkussion mit der Stimme. „Erst tut Ihnen die Hüfte weh, dann die Schulter – was denn jetzt?“, schrien die Musiker ins Publikum, während auf Farbdosen und Umzugskartons getrommelt wurde. Typisch für eine Arztpraxis durfte natürlich nicht das Husten fehlen, das nur noch von Hecheln und dem Ablecken der Bühne übertroffen wurde.

Musik auch im Foyer

Für das Stück „FRCKNG“ wurde dann kurzerhand sogar das Theaterfoyer zum Platz des Geschehens: Hier mischten sich die Geräusche der Theke mit den Klängen des Quartetts und ergab eine surreale Konstellation. Einen passenden Abschluss fand das Konzert in Hespos Komposition „Clash“. Dampfende Wasserkocher und reißende Frischhaltefolie gemischt mit Elektronik und Keyboard rückten die Alltagsgeräusche in ein ganz neues Licht. Ein Abend mit surrealer Neuer Musik, die bei dem Publikum sichtbar tiefe Eindrücke hinterließ.

Im Jahr feiert 2019 Hespos mit seiner Reihe Jubiläum. Zum 50-jährigen Bestehen der „Neuen Musik in Delmenhorst“ spielt dann am 11. November 2019 das Minguet-Streichquartett aus Köln auf.