Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

Neue Stadtbaurätin Bianca Urban „Wollepark bietet gute Chance“

Von Katja Butschbach, Katja Butschbach | 18.02.2016, 08:02 Uhr

Bianca Urban ist einstimmig zur neuen Stadtbaurätin gewählt worden und wird im ersten Halbjahr 2016 ihr Amt antreten. Im dk-Interview berichtet sie von ihren Plänen für die Stadt.

 Frau Urban, was reizt Sie an der Aufgabe, in Delmenhorst als Stadtbaurätin tätig zu werden? 

Bianca Urban: Delmenhorst ist eine vielseitige Stadt mit einer Reihe von Fragestellungen. Diese aus einer Hand zu gestalten, ist eine reizvolle Aufgabe. Für mich ist die Gestalt einer Stadt besonders interessant hinsichtlich der Frage: Wo kommt sie her, wo möchte sie hin? In Delmenhorst gibt es eine Reihe von Anknüpfungspunkten mit geschichtlichen Bezügen. Hinzu kommt das Zusammenspiel dörflicher und städtischer Strukturen: Wie geht man mit freiräumlichen, landwirtschaftlichen und gleichermaßen städtischen Fragen einer Mittelstadt mit oberzentraler Ergänzungsfunktion um? Delmenhorst hat mittlerweile 80000 Einwohner: Wie soll sich die Stadt im Bereich des Wohnens und Arbeitens entwickeln? Wie kann insbesondere die Innenstadt mit ihren Funktionen von Versorgung‚ Einkaufen und Aufenthaltsqualität zukunftsfähig gestaltet werden?

 Welche ersten Ideen haben Sie für die Innenstadt? 

Der öffentliche Raum hat zum Teil bereits eine sehr hohe Qualität im Hinblick auf die Wege- und Platzgestaltungen und die Verknüpfung von den Graftanlagen über das Rathaus bis hin zur Langen Straße. Wichtig ist, das Thema Nutzungen und Leerstände aufzugreifen. Wenn man nicht sofort klassische Einzelhandelsnutzungen generieren kann: Gibt es Möglichkeiten, mal anders da heranzugehen? Die Geschäftsleute und die Wirtschaftsförderung sind wichtige Partner, um ein gemeinsames Bild für mögliche Maßnahmen zu entwickeln. Ein wichtiger Baustein in diesem Kontext ist sicher auch das Hertie-Kaufhaus. Es ist wichtig, den öffentlichen Raum zu bespielen, ihn wahrnehmbar zu machen, damit er belebt ist und nicht verwaist. Hier gibt es in Delmenhorst bereits eine Reihe guter Veranstaltungen und Ansätze. Diese sind weiter zu entwickeln.

 Wie könnten alternative Nutzungen für leer stehende Geschäfte aussehen? 

Es gibt Möglichkeiten kultureller und kreativer Ansätze. Zu günstigen Voraussetzungen könnten Existenzgründer die Möglichkeit bekommen, über ein Geschäft Öffentlichkeit herzustellen. Wir haben in Bremen sehr gute Erfahrungen mit unterschiedlichen Zwischennutzungen gemacht.

 Wie gut kennen Sie die Stadt schon? 

Delmenhorst ist mir durch die Nachbarschaft zu Bremen gut bekannt. Ich wohne schon lange in Bremen, von daher gibt es viele Bezüge zur Stadt. Wir halten uns immer mal wieder in Delmenhorst auf, auch in der Innenstadt, und es gibt natürlich Kontakte zu Freunden.

 Können Sie nachvollziehen, warum oft negativ über Delmenhorst gesprochen wird – und was können Sie daran ändern? 

Mir ist es sehr wichtig, keine defizitorientierte Debatte zu führen, sondern an Stärken und Qualitäten anzuknüpfen: Delmenhorst bringt hier sehr viel mit, es hat eine innere Stadt, es hat architektonische und baukulturelle Zeitdokumente, es hat Museen, eine gute Lage in der Region. Besonders ist das Zusammenspiel zwischen städtischen Strukturen und den Grün- und Freiräumen. Auffallend ist auch das dichte Netz an Infrastrukturen. Im Prinzip ist alles vorhanden: Die Bahn fährt durch die Stadt, man hat einen Autobahnanschluss, es gibt einen Flughafen, der zehn Kilometer Luftlinie entfernt ist. Wichtig ist, dass man realistisch bleibt und die Selbstsicht eine gute ist. Ziel ist, das Image von Delmenhorst weiter zu schärfen.

 Was ist für Sie das bauliche Highlight in Delmenhorst? Eine wahre Besonderheit ist das Rathaus in seiner Gesamtkomposition mit der Markthalle sowie das große Gelände der Nordwolle. Beide erinnern als bauhistorische Zeitzeugen an die Zeit, in der Delmenhorst eine ausgeprägte nachgefragte Industriestadt mit deutlich überregionaler Bedeutung war. Die Stoffregenhäuser und einzelne Siedlungen sprechen eindrucksvoll für sich. Mir gefallen ebenso die dörflichen Lagen: Hasbergen als Dorf, das sich bis heute sein liebenswertes Ortsbild erhalten hat, einschließlich Kirche.

 Was ist das drängendste Problem in Delmenhorst? 

Für die zukünftige Entwicklung Delmenhorsts ist das umfassende Thema Wohnen und die Entwicklung nachfragegerechter Wohnangebote besonders wichtig. Da geht es um Neubau und die kluge Weiterentwicklung von Beständen. Etwa im Bereich Wollepark, der von der Stadt aufgekauft worden ist mit der Absicht, die Gebäude abzubrechen, um dort ein attraktives Wohnquartier zu entwickeln. Ich finde es beachtlich, dass Delmenhorst mit dem Ankauf in Vorleistung gegangen ist und dadurch in der Rolle des Handelnden ist: Hier bietet sich eine gute Chance, die Stadt weiterzuentwickeln. Auch die Innenstadt und die Vernässung der Graft, das Pultern-Gelände, die Standortentwicklung des Klinikums und Delmenhorst in der Region sind für mich Schwerpunkte.

 Wie wollen Sie die Vernässung der Graft angehen? 

Das ist eine sehr komplexe, gewichtige Fragestellung, die ich zunächst näher kennenlernen möchte. Vorweg: die Graft ist ein Schatz inmitten von Delmenhorst. Auf den hohen Grundwasserstand und die zunehmende Vernässung müssen Antworten gefunden werden – mir sind diskutierte Lösungsansätze wie zum Beispiel Pumpen und Trinkwassergewinnung bekannt.

 Welche Rolle spielt Delmenhorst in der Region? 

Es gibt den Kommunalverbund und die Metropolregion, hier ist Delmenhorst maßgeblich beteiligt. Die Rolle der Stadt könnte ausgebaut werden: Ein Aspekt ist dabei das Wohnen – Bremen und Delmenhorst sind räumlich nah beieinander. Mit Blick auf die eigene Bevölkerungsentwicklung sollte Delmenhorst beim Wohnen gute Angebote entwickeln.

 Was ist beim Bereich Wohnen zu berücksichtigen – und wie muss Zuwanderung mitgedacht werden? 

Ein junger Mensch hat andere Ansprüche an das Wohnen als eine junge Familie, Singles oder Senioren. Neben dem klassischen Einfamilienhaus gibt es ein zunehmendes Interesse an städtischen und barrierefreien Wohnungen; heutzutage gibt es sehr unterschiedliche Wohn- und Lebensstile. Die Zuwanderer sind am Wohnungsmarkt genauso aufzunehmen wie andere Bürger. Wohnen ist kein Luxusgut. Ziel sollte es sein, gut integrierte und gemischte Wohnlagen zu schaffen.

 Was ist Ihre Vision für die Stadt? 

Delmenhorst ist eine sehr selbstbewusste Stadt, in der die Menschen gerne wohnen und arbeiten. Delmenhorst wird besucht und ist nachgefragt, besinnt sich auf seine Stärken und hat diese auch gut weiterentwickelt. Diese sind: die Stadt, die Landschaft und ihre Bewohner und Bewohnerinnen. Ob und welche Profilierung es konkret geben kann, beispielsweise als grüne Stadt, als Gesundheitsstadt oder etwas ganz anderes – an diesen Fragen würde ich gerne arbeiten.