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Novemberrevolution 1918 Als die Stimmung auch in Delmenhorst endgültig kippte

Von Paul Wilhelm Glöckner | 03.11.2018, 10:18 Uhr

Vor 100 Jahren breitete sich die Revolution in Deutschland aus. Auch in Delmenhorst brodelte es. Am 8. November versammelten sich Tausende auf dem Rathausplatz.

Als am 7. November 1918 erste Nachrichten über die Meuterei der Matrosen der Hochseeflotte in Wilhelmshaven Delmenhorst erreichten, wirkten diese auf die Bevölkerung wie ein schon lange erwartetes Startsignal. Man wollte mit dem Krieg, mit Hunger und Entbehrung Schluss machen, deshalb riefen Arbeiterausschüsse der großen Werke für den folgenden Freitag, 8. November, um 8.30 Uhr zu einer Willenskundgebung auf den Neuen Markt auf. Über 10.000 Einwohner versammelten sich dort, um unter fortwährenden Beifallsbekundungen den Worten des Sozialdemokraten August Jordan zu lauschen.

Brandrede gegen die Herrschenden

Jordan betrauerte zunächst die zwei Millionen Weltkriegstoten auf deutscher Seite, verurteilte sodann die Herrschenden, die das Volk „belogen und betrogen“ hätten und rief dazu auf, nun endlich das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Nur so könne man baldmöglichst Freiheit und Brot erlangen. Alle dazu notwendigen Maßnahmen sollten in vollkommener Ruhe und Ordnung ablaufen. Dass seine Partei immer wieder den Kriegskrediten im Reichstag zugestimmt hatte, ohne die der Kampf gegen die halbe Welt gar nicht hätte geführt werden können, blieb unerwähnt.

Gewählte Regierungen sollen Monarchen ersetzen

Anschließend verlas Jordans Parteigenosse Eduard Schömer eine sechs Punkte umfassende Resolution. Danach sollte ein allgemeines, gleiches und direktes Verhältniswahlrecht für Männer und erstmals auch für die Frauen vom 20. Lebensjahr an eingeführt werden. Sämtliche Dynastien, also Kaiser, Könige und der eigene Großherzog seien zu beseitigen. An ihre Stelle seien demokratisch gewählte Regierungen zu setzen. In Delmenhorst müsse ein Vertrauensrat gebildet werden, dem die oberste Gewalt zustehe. Außerdem solle dem Bürgermeister ein Beigeordneter zur Seite gestellt werden. Ferner forderte Schömer die sofortige Freilassung aller militärischen und politischen Gefangenen und die Einstellung der Einberufungen zum Wehrdienst sowie den Fortfall der Musterungen.

Demonstrationszug durch die Stadt

Nachdem die Versammlung diesen Forderungen durch Zuruf beigepflichtet hatte, bewegte sich ein Demonstrationszug mit der Kapelle des Landsturmbataillons an der Spitze durch die Stadt. Am Markt angelangt, wurde August Jordan per Akklamation als Beigeordneter bestimmt. Er wurde anschließend auch vom Magistrat akzeptiert, was folgendes Protokoll des Stadtsekretärs Oetken nachweist:

„Herr Jordan erklärte namens der Erschienenen und gemäß einem soeben von einer Volksversammlung, bestehend aus ca. 10.000 Personen, gefassten Beschluss, dass fortan als Beigeordneter des Bürgermeisters er zu fungieren habe. Er legte dem Bürgermeister die Frage vor, ob er damit einverstanden sei. Die Frage wurde bejaht. Einzelheiten über die Ausführung dieser Maßnahme bleiben weiteren Besprechungen zwischen dem Magistrat und Jordan vorbehalten. Sämtliche Beamte und Angestellte, die sich mit dieser Regelung einverstanden erklären, bleiben im Amte, die übrigen gelten als entlassen. Es wurden eine Reihe weiterer Wünsche vorgetragen, zum großen Teil öffentlich rechtlicher Natur. Die gegenwärtigen Ratsherren stimmten dem Vorstehenden zu.“

Richtungskämpfe innerhalb der Sozialdemokratie

War diese erste Kundgebung, die in einen revolutionären Akt mündete, noch in ruhigen Bahnen verlaufen, so sollte sich in der Folgezeit die überörtlich angespannte Lage auch auf Delmenhorst auswirken. Noch am 8. November bildete sich am Ort ein Soldatenrat, der die Ausübung der militärischen Gewalt für sich beanspruchte und sogar versuchte, die Polizei unter seine Kontrolle zu bringen.

Nachdem am 9. November die Thronentsagung von Kaiser und Kronprinz bekannt geworden war und zwei Tage später auch der Großherzog von Oldenburg abgedankt hatte, formierten sich unterschiedliche Kräfte in der Arbeiterschaft. Es kam zu Richtungskämpfen zwischen den Vertretern der Mehrheitssozialdemokratie (MSPD) und den Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD), was sich bei einer Versammlung der MSPD am 12. November zeigte.

Erstere traten für eine parlamentarische Republik ein, letztere wollten nach sowjetischem Muster ein Rätesystem errichten. Am Ende setzten sich die MSPD-Redner durch, sodass der nunmehr gebildete Aktionsausschuss in deren Sinne wirken konnte.