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Objekte, die Geschichte(n) erzählen In der Inflation Billionen Mark für die Miete

Von Dirk Hamm | 08.10.2016, 11:30 Uhr

Hans-Hermann Precht kann es getrost als ein Fitnesstraining verbuchen, wenn er den viele Kilogramm schweren, dicken Wälzer stemmt, der zum Bestand des Industriemuseums auf der Nordwolle gehört. Auf einem Stehpult, wie es einst von den Beschäftigten in der Buchhaltung der Nordwestdeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei (NW&K) zu finden war, schlägt der ehemalige Leiter des Museums eine Seite auf: Handschriftlich sind darauf akribisch Buchungen aus den Jahren 1910 bis 1920 festgehalten.

Es handelt sich um eines der zwei noch erhaltenen Hauptbücher des Unternehmens, bei dem in den Hochzeiten vor dem Konkurs 1931 tausende Mitarbeiter in Lohn und Brot standen. Das zweite Hauptbuch, das die Jahre 1921 bis 1924 buchhalterisch abdeckt, hat seinen Platz bereits vor 20 Jahren in der Dauerausstellung im Fabrikmuseum gefunden, in einer Vitrine unter einem Porträt des Konzernlenkers Carl Lahusen und einem gerahmten Diplom als Belohnung für langjährige Betriebstreue.

Tinte nach 100 Jahren noch gut lesbar

Die Spaltenlinien auf den aufgeschlagenen Seiten sind beinahe ganz verblasst, nicht so jedoch die lichtbeständige Tinte, mit der die Zahlenkolonnen der finanziellen Transaktionen eingetragen wurden. „In der Nordwolle wurde damals nach den Prinzipien des ehrbaren hanseatischen Kaufmanns Buch geführt. Nichts durfte mit Bleistift eingetragen werden, um Manipulationen auszuschließen.“

Prinzipien des ehrbaren Kaufmanns verraten

Dieser Kurs des grundanständigen Wirtschaftens wurde allerdings im Zuge einer ungesunden Expansion des Unternehmens in den 20er Jahren verlassen, 1931 erschütterte der spektakuläre Konkurs der Nordwolle die gesamte deutsche Wirtschaft. Unregelmäßigkeiten und Bilanzfälschungen zerstörten das Bild der ehrbaren Kaufleute aus der Lahusen-Familie.

Eine Konsequenz aus dem Skandal hat bis heute Bestand, erläutert Hans-Hermann Precht: „Die gesetzliche Wirtschaftsprüfung, wie wir sie heute kennen, gab es bis dahin nicht. Sie ist infolge des Konkurses der Nordwolle in Deutschland eingeführt worden.“

Eintragungen sprengten während der Inflation die Spalten

Auf den exakt 1000 Seiten jedes der Hauptbücher sind in doppelter Buchführung sämtliche finanziellen Bewegungen in den diversen Konten von der Pflege des Grabes des Unternehmensgründers Christian Lahusen bis zum 25 Seiten umfassenden Hauptkonto der NW&K nachvollziehbar verbucht worden.

Dabei sprengten die Eintragungen während der dramatischen Inflation der Jahre 1922 und 1923 die vorgegebenen Spalten. Ein Beispiel: Im Konto des unternehmenseigenen Konsum-Vereins wird der Posten Miete am 13. Dezember 1923 mit dem unfassbaren Betrag von 8014000000000 Mark verbucht – in Worten: acht Billionen. Den Jahresabschluss im NW&K-Hauptkonto dokumentierte gar eine 16-stellige Zahl!

Buchhaltung auf Lochkartensystem umgestellt

Das handschriftliche System entsprach zu dem Zeitpunkt schon längst nicht mehr dem damals neuesten Stand der Buchführung. Die moderne Datenverarbeitung hielt im Verlauf der 20er Jahre in Gestalt der Hollerith-Maschine dann auch Einzug auf der Nordwolle. Mit Hilfe von Lochkarten konnten Buchungen fortan mechanisch-maschinell sortiert werden.