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Offener Brief von Axel Jahnz Delmenhorster Rathauschef zur Flüchtlingslage

Von Thomas Breuer | 21.10.2015, 20:42 Uhr

Oberbürgermeister Axel Jahnz hat sich am späten Mittwochnachmittag mit einem offenen Brief an die Delmenhorster Bevölkerung gewandt. Darin führt er aus, dass nach jetzigem Stand bis zur Jahresmitte 2016 rund 2000 Flüchtlinge in Delmenhorst leben werden. Aber er gibt auch seine persönlichen Eindrücke von den bislang zugewanderten Menschen wieder und dankt allen Helfern für ihren Einsatz. Der Brief hat folgenden Wortlaut:

„Liebe Delmenhorsterinnen und Delmenhorster,

wir alle verfolgen die Nachrichten über die Zuwanderung von Flüchtlingen nach Europa, Deutschland und schließlich auch in unsere Stadt. Bis Jahresende werden wir etwa 1.000 Personen in Delmenhorst aufgenommen haben und bis Jahresmitte 2016 sind bereits zum jetzigen Zeitpunkt noch einmal so viele Zuweisungen vom Land angekündigt.

Aufgrund der Vielzahl von Menschen, die die deutsche Grenze erreichen, erhalten wir – wie alle anderen kreisfreien Städte und Landkreise – seit dem 17. Oktober zusätzlich zu den oben genannten Zahlen Flüchtlinge zur Erstaufnahme in Amtshilfe für das Land Niedersachsen. Von den Zuteilungen erfahren wir nur wenige Tage im Voraus und müssen letztlich unter sehr hohem Zeitdruck reagieren.

Zwar waren wir grundsätzlich darauf vorbereitet, dass mehr Flüchtlinge als angekündigt zu uns kommen könnten, doch war mit dieser Situation und Vorgehensweise des Landes in einem solchen Umfang nicht zu rechnen.

„Menschen wie Sie und ich“

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, gesprochen wird immer von „den Flüchtlingen“, aber es sind Menschen wie Sie und ich. Ich war dabei, als Frauen, Männer und Kinder erschöpft und verängstigt aus einem Bus nach einer zwölf Stunden langen Reise gestiegen sind – kaum etwas Warmes am Leib und ausgehungert. In diesem Bus saßen sie unter Fremden, die alle eine andere Sprache sprechen, ohne zu wissen, wo die Fahrt hingeht und was sie erwartet.

Am Bus standen dann die vielen freiwilligen Helferinnen und Helfer, die einfach auf sie zugegangen sind, sie willkommen geheißen und sich um sie gekümmert haben. In den Gesichtern der Angekommenen haben wir Erleichterung und Dankbarkeit gesehen. Ich schildere Ihnen dies, damit Sie sich vielleicht dadurch in die verzweifelte Lage dieser Menschen versetzen können. Sie kommen aus einer anderen Kultur mit anderen Gewohnheiten und Bräuchen.

„Weltoffen und tolerant zeigen“

Lassen Sie uns zeigen, dass Delmenhorst weltoffen und tolerant ist und dass wir gemeinsam eine Zukunft haben.

Leider sind unsere Unterbringungsmöglichkeiten in Wohnungen im Stadtgebiet begrenzt, sodass wir nun Sammelunterkünfte einrichten mussten. Am besten geeignet für eine schnell zu organisierende Unterbringung sind zurzeit Turnhallen, die über sanitäre Einrichtungen verfügen und an Schulen mit einer Mensa zur Essensverpflegung liegen. Die bislang ausgewählten Hallen bieten aus Sicht der Fachleute die beste Infrastruktur.

„Nutzung von Zelten keine Alternative“

Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viele Personen in den kommenden Wochen und Monaten noch in Delmenhorst aufgenommen werden müssen. Aber ich kann Ihnen eines versichern: Wir möchten diese zu uns kommenden Menschen würdevoll und angemessen unterbringen. Die Nutzung von Zelten stellt keine geeignete Alternative dar.

Dass wir zurzeit auch Turnhallen für die Unterbringung nutzen müssen, um die seit einer Woche zusätzlich vom Land übertragene Aufgabe der Erstunterbringung sicherstellen zu können, sehen wir selbst nicht als eine Dauerlösung an. Selbstverständlich ist es das Ziel, die Menschen, die bei uns in Delmenhorst bleiben werden, nach Möglichkeit in Wohnungen oder anderen Unterkünften einzuquartieren. Dafür benötigen wir jedoch etwas Zeit.

„Der Bundeswehr sind wir dankbar“

Erfreulicherweise wird uns die Bundeswehr zu Jahresbeginn Kasernengebäude zur Verfügung stellen, wofür wir sehr dankbar sind. Wir sind zudem in Gesprächen mit privaten und gewerblichen Immobilienbesitzern. Die Kolleginnen und Kollegen der Stadtverwaltung arbeiten mit größter Anstrengung daran, geeigneten Wohnraum zu finden.

Wir alle müssen nun eine Zeit lang enger zusammenrücken und leider einige Einschränkungen im Sinne der guten Sache in Kauf nehmen. Ich danke den Schulen und Sportvereinen, die zurzeit auf ihre sportlichen Aktivitäten an ihrer gewohnten Stätte verzichten müssen, und bitte um ihr Verständnis für die Lage. Wir hoffen, schnellstmöglich Alternativen anbieten und bestenfalls die Hallen zurückgeben zu können. Die Sportvereine haben sich aber auch untereinander bereits verständigt, um sich die freien Hallen nach Möglichkeit zu teilen. Das ist uns eine große Hilfe. Ich danke den Schülerinnen und Schülern, die zunächst den Pausenhof und die Mensa mit fremden Menschen teilen müssen. Wir sind bemüht, dass es möglichst wenige gegenseitige Beeinträchtigungen gibt.

Ich danke auch den Nachbarn im Umfeld zu den belegten Turnhallen. Auch Sie möchten wir möglichst wenig beeinträchtigen. Die untergebrachten Menschen wollen wir nicht alleine lassen. Unser Ziel ist es, ihnen eine gute Betreuung anzubieten und für ihre Fragen bereitzustehen.

„Dank an alle Helferinnen und Helfer“

Danken möchte ich abschließend noch allen Helferinnen und Helfern von Hilfsorganisationen, Sozialeinrichtungen, Integrationslotsen, Polizei, Feuerwehr, Ärzten, Schulen und Verwaltung sowie den vielen ehrenamtlich Tätigen und Spendern aus der Bevölkerung. Die Welle der Hilfsbereitschaft ist beeindruckend und sie wird auch weiterhin dringend benötigt. Das zeichnet das Herz unserer Stadt aus. Herzlichen Dank!

Gerne informieren wir Sie regelmäßig über die Medien und die städtische Internetseite über den aktuellen Stand. Zudem stehen Ihnen weiterhin die Kolleginnen und Kollegen der Kontaktstelle Flüchtlinge und Interkulturelle Angelegenheiten unter Telefon (04221) 99-2600 oder per E-Mail an fluechtlinge@delmenhorst.de sowie die Koordinierungsstelle für ehrenamtliches Engagement, Telefon (0152) 16 86 94 57, E-Mail: ehrenamtlichen-koordinator@gmx.de, zur Verfügung. Bitte wenden Sie sich bei Fragen gerne an uns.

Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis, Ihr Mitgefühl und Ihre Geduld.“